^ Alte Schmiede - Der Verein mit dem Hammer

22.10. Mittwoch
19.00
LQ
Wiener Vorlesung zur Literatur
ROBERT MENASSE
(Wien): VERWEILEN EINE GESCHÄFTSSTÖRUNG. Doktor Faust lernt Geschichte 

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Doktor Hoechst, genannt »der alte Faust«, hat den Wissenschaften den Rücken zugekehrt und widmet sich mit Eifer der freien Marktwirtschaft. Statt Wissen vermehrt er nun Kapital. Doch der Global Player ist auch Familienvater. Sein Sohn Raphael verurteilt diese Machenschaften und versucht, gegen den übermächtigen Vater aufzubegehren. Nach einer Vorstellung von Goethes »Faust« packt Hoechst die Wut. Verweilen im höchsten Augenblick? Wie unrentabel! Und Hoechst ist sich sicher: Statt Genuss im Stillstand geht es heute um unbegrenztes Wachstum und Expansion. Kapitalismus und Globalisierung ist die Devise.
Robert Menasse borgt sich von Goethes Faust-Dichtungen nicht nur viele Zitate, die er mit sprachspielerischer Lust abwandelt, sondern auch die heute postmodern anmutende Struktur des in mehreren Stationen entwickelten Ideendramas. Zwei Grundthesen jedoch zeigen, dass Menasses Faust-Spiel Doktor Hoechst mehr als nur eine Paraphrase Goethes sein will, denn der heutige Faust als Protagonist eines radikalisierten Rationalismus mit seinen rassistisch und ökonomistisch begründeten Spielformen des 20. und 21. Jahrhunderts weicht nicht mehr in höhere oder tiefere Sphären einer Geister- und Dämonenwelt aus, sondern stellt sich kaltblütig den weltweiten Stätten menschlichen Desasters: Auschwitz, Nagasaki, Santiago de Chile. These 1: Da der Teufel tot ist, wäre der Pakt zur Befreiung von aller Beschränkung nur mehr mit einem jeweiligen Gott zu schließen; These 2: Nicht der Augenblick von Glückseligkeit solle ewig währen, sondern das Wachstum auf einem Planeten, dessen Grenzen und Ressourcen jedoch endlich sind.
Menasses Faust hat mit dem klassischen nur noch die Rastlosigkeit gemein. Ansonsten ist aus ihm ganz ein Mann der Wirtschaft geworden: selbstbewusst, erfolgsverwöhnt, von keinerlei Skrupeln geplagt.

Gemeinsam mit Gräten, einer modernen, emanzipierten Frau, hat Hoechst einen philanthropisch gestimmten Sohn, Raphael, der zwar Philosophie studiert, aber trotz allem heißen Bemühen nicht versteht, was die Welt im Innersten zusammenhält.
Hoechst dagegen ist die Welt kein Rätsel mehr: Er weiß, dass die Ressourcen der Welt endlich sind, will sich aber der Aufgabe stellen, dennoch für ständiges Wachstum zu sorgen. Bei einer surrealen Geschäftsreise wird er zwar nacheinander mit der Massenvernichtung in Auschwitz, dem Atombombenabwurf auf Nagasaki und den Folterungen im Stadion von Santiago de Chile in der Zeit von Pinochets Regime konfrontiert. Doch so erschüttert Hoechst von dem, was er da sehen muss, auch ist, er kann überhaupt nicht erkennen, was diese vergangenen Ereignisse mit ihm zu tun haben sollen.
Am Ende des Stücks scheitert indes sein ökonomisches Konzept. Seine Spekulationsgeschäfte gehen ausnahmslos daneben und er nimmt sich daraufhin das Leben.

(Gunther Nickel zur Uraufführung am Staatstheater Darmstadt 2009, Nachtkritik.de)
Robert Menasse
, *1954 in Wien. Studium der Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina. 1981–1988 Lektor und Gastdozent am Institut für Literaturtheorie der Universität São Paulo, seit 1988 freiberuflicher Schriftsteller und Publizist, lebt in Wien. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a.: Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik 1998, Erich-Fried-Preis 2003, Heinrich-Mann-Preis 2013, Max Frisch-Preis 2014. Buchpublikationen (Auswahl): Sinnliche Gewißheit. Roman (1988); Schubumkehr. Roman (1995); Hysterien und andere historische Irrtümer (1996); Dummheit ist machbar. Begleitende Essays zum Stillstand der Republik (1999); Erklär mir Österreich. Essays zur österreichischen Geschichte (2000); Die Vertreibung aus der Hölle. Roman (2001); Das war Österreich. Gesammelte Essays zum Land ohne Eigenschaften (2005); Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung. Frankfurter Poetikvorlesungen (2006); Don Juan de la Mancha oder die Erziehung der Lust. Roman (2007); Permanente Revolution der Begriffe. Vorträge zur Kritik der Abklärung (2009); Ich kann jeder sagen. Erzählungen vom Ende der Nachkriegsordnung (2009); Der europäische Landbote (2012).

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