^ Alte Schmiede - Der Verein mit dem Hammer

22.9. Montag
18.00
AS

STUNDE DER LITERARISCHEN ERLEUCHTUNG
68. Autorinnen- und Autorenprojekt der Alten Schmiede
LUDWIG HARIG
(*1927) SPRECHSTUNDEN FÜR DIE DEUTSCH-FRANZÖSISCHE VERSTÄNDIGUNG UND DIE MITGLIEDER DES GEMEINSAMEN MARKTES, EIN FAMILIENROMAN (1971, Hanser Verlag) •
HERBERT J. WIMMER
 (Wien) rezitiert und kommentiert

20.00
AS
ERWIN RIESS (Wien) liest aus seinem neu erschienenen Roman
HERR GROLL UND DAS ENDE DER WACHAU

(O. Müller Verlag, 2014)

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ludwig harig schreibt über sein buch: »Meine Familie heißt ›Familie Dupont‹. Es ist die Familie, die auf grammatische Weise in den 80 Lektionen des ›Lehrbuchs der französischen Sprache‹ von Louis Marchand entsteht. Genau nach der Anweisung des Vorworts, ›daß jeder Satz (mit Ausnahme des ersten) nur ein unbekanntes Wort enthält‹, wächst eine Wort-Familie heran und wird groß und kräftig durch Attribute und Epitheta. So wie jedoch ein ständiger Zuwachs von Wörtern und Formen diese Familie Dupont und die Welt, in der sie erscheint, nach und nach erweitert, so tanzen diese Wortfiguren in kleinen und großen Sätzen aus der Reihe, fügen sich zusammen, verbinden sich und ergänzen sich zu neuen Familien. In diesen neuen Satzgefügen und Satzverbindungen spielen die Wortfamilien ihre Spiele, und zwar nach allen Regeln der Kunst.«
es ist eine schöne idee von ludwig harig, dass familien aus sprache und aus sprechen bestehen und umgekehrt, dass sich in den sprachlehrbüchern die grammatik des lebens auf- und entfaltet, dass die welt der sprach-familien – in ihrem fortwährenden gebrauch durch autor und leserInnen – auch als erfahrung von zunehmender komik und komplexität sich ereignet.

»Harig«, schreibt helmut heißenbüttel in seiner rezension im »spiegel« im jänner 1972, »breitet (...) Möglichkeiten der Sprache aus, die ganz von vorn anfangen, von der immer wieder gestellten Frage: Was sage ich eigentlich, wenn ich das oder das sage?«

erstmals 1971 erschienen, lässt der roman SPRECHSTUNDEN einen europäischen moment emergieren, dessen ständige erweiterung die sprachliche, dichterische, mediale und politische gegenwart des einundzwanzigsten jahrhunderts als lesbarkeit darstellt: wir lesen einen regelrechten, entwicklungsoffenen entwicklungsroman.
(Herbert J. Wimmer)
Ludwig Harig
, *1927 in Sulzbach/Saar, wo er lebt. Arbeitete als Lehrer, seit 1974 freier Schriftsteller. Ab 1955 Veröffentlichungen experimenteller Texte, Kontakte zu Max Bense und der »Stuttgarter Schule«; Übersetzungen von Werken Raymond Queneaus, wichtige Beiträge zu einer Erneuerung des Hörspiels. Durch seine dem Spiel mit Gedanken und Sprache verpflichteten erzählerischen Werke wird er einer der populärsten Autoren Deutschlands. Viele Auszeichnungen, u.a. Hörspielpreis der Kriegsblinden 1987, 1993 Verleihung einer Ehrenprofessur durch das Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Saarland. Seit 2004 erscheinen Harigs Gesammelte Werke (Hg. Werner Jung) im Hanser Verlag, bislang neun Bände.
Herbert J. Wimmer
, *1951 in Melk, seit 1971 freiberuflicher Schriftsteller in Wien. Heimrad-Bäcker-Preis 2009. Zuletzt erschienen: Ganze Teile. 101 Gedichte (2010); einträge in die enzyklopädie des augenblicks. aufsätze und vorlesungen (2011); Grüner Anker. 99 gedichte (2012); membran. roman (2013).

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Erwin Riess wirft mit seinen um den Rollstuhl fahrenden Herrn Groll und den ihn kontradiktorisch begleitenden bürgerlichen Dozenten entwickelten Romanen ein erhellendes Licht auf das Genre »Schelmenroman«: Dass dieses durchaus unterhaltsam sein will, ist nicht zu bestreiten, dass es sich dabei jedoch zugleich um ein brisantes Mittel aktueller Aufklärung handelt, scheint angesichts seiner überwiegend historisierend-verharmlosenden Interpretation doch überraschend. So bringt der neue Groll-Roman unangenehme historische und gegenwärtige Wahrheiten der romantisierten Flusslandschaft der Wachau und mancher Umtriebe ihrer Bewohner zum Vorschein: Eine zweifache Mission führt Groll und den Dozenten nach Krems und in die Wachau: Der Dozent soll seinen Schwager, einen glücklosen Architekten, aus den Fängen einer dubiosen Weinritterschaft retten, Groll will herausfinden, was mit seiner Jugendliebe geschah, die im August 1968 das Baby eines Werksdirektors entführte und spurlos verschwand. Die beiden forschen auf dem Gelände eines ehemaligen NS-Lagers in Krems, in dem bis zu siebzigtausend Franzosen, Holländer, Amerikaner und Sowjetsoldaten inhaftiert waren, wobei Tausende ums Leben kamen. Bei ihren Recherchen stoßen sie auch auf einen ukrainischen Oligarchen, der den Ort sucht, an dem sein Vater, ein Lagerhäftling, erschossen wurde; darüber hinaus kauft der Oligarch einen Betrieb um den anderen auf und plant ein Musterweingut auf der Krim. Rasch müssen Groll und der Dozent erkennen, dass die Vergangenheit in der Wachau lebendig ist und dass sich hinter der Idylle düstere Dinge zutragen. Schrankenlose Geldgier und eine absurde Vergötzung des Weins entladen sich in Betrug und Mord. Schon nach wenigen Stunden beginnt die Jagd auf die Ermittler.
Erwin Riess
, *1957 in Wien, wo er lebt. Studium der Politik- und Theaterwissenschaft in Wien, freiberufliche Verlagsarbeit, Prosa- und Theaterautor. Mitbegründer des »Forums der Krüppel- und Behinderteninitiativen«. Publikationen: Adieu Madrid. Stück in drei Akten (1993); Kuruzzen. Ein Stück (1993); Herr Groll erfährt die Welt. Im Rollstuhl durch gelähmte Zeiten. Prosa (1996); Giordanos Auftrag. Roman (1999); Herr Grillparzer fasst sich ein Herz und fährt mit einem Donaudampfer ans Schwarze Meer. Ein Stück (2000); Heimatkunde Österreich. Ein Land zwischen Donau und Alpen, Prinz Eugen und Haider, edlen Rittern und braunen Kameraden. Essays, Dramolette, Glossen (2003); Die Ferse des Achilles. Zur Bedeutung behinderter Menschen für die Gesellschaft (2003); Stücke 1994–2004 (3 Bd., 2004); Der Don Giovanni-Komplex oder Das lange und freudlose Leben des Giacomo C. Schauspiel mit Musik (Musik: Olga Neuwirth; 2006); Der letzte Wunsch des Don Pasquale oder Giordanos Bitte. Roman (2006); Herr Groll auf Reisen. Storys (2008); Herr Groll und der rote Strom. Roman (2010); Herr Groll im Schatten der Karawanken. Ermittlungen in Kärnten (2012); Herr Groll und die ungarische Tragödie (2013); Herr Groll und das Ende der Wachau (2014).


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Zugänglichkeit zu allen Räumlichkeiten barrierefrei oder durch den
Lift gegeben.
Parkplatz für Menschen mit Behinderung vor dem Haus Schönlaterngasse 11
Freier Eintritt zu allen Veranstaltungen der Alten Schmiede