(8) liesl ujvary: gedicht des monats 

Ilse Kilic

OSKARS MORAL
doch oskar hat als photo das panorama von karl vorm kopf. oskar war gegen peter damals, als peter gegen oskar stand, doch stop! wenn peter jetzt karl begehrt, begehrt dann lisl oskar und wird susi zu susanne wegen dem ernst des lebens, dem susanne als frau entgegensteht? oskar samt karl als paar? oskar gegen peter wegen karl? war das das, was oskar sah, was karl ganz charmant als mann an peter gab, wo doch oskar voll angst das, was karl oskar bot, bloß halb annahm? oskar hat also nicht bloß lisl im kopf, wo schon eberhard sitzt, oskar hat dann noch karl im kopf! oskar hat wohl als kopf bloß hormonschrank? jaja, voll hormon war oskars kopf!
aus: OSKARS MORAL, Ritter Verlag Klagenfurt Wien 1996
 
VOM UMGANG MIT DEN PERSONEN
Ich werde zu zeigen versuchen, dass die Konstruktion einer Hauptperson für diese oft unangenehm und schmerzhaft ist, dass dieses Leiden der Hauptperson aber billigend in Kauf genommen werden muss, um einen Text oder Textabschnitt zur vollen Wirkung kommen zu lassen.
aus: VOM UMGANG MIT DEN PERSONEN, Ritter Verlag Klagenfurt Wien 2005
 
 
Ilse Kilic, geboren 1958, lebt in Wien und im Fröhlichen Wohnzimmer auf www.dfw.at. Buchveröffentlichungen (zuletzt): Band 4 der Verwicklungsromans mit dem Titel „Zwischen Zwang und Zwischenfall“, geschrieben gemeinsam mit Fritz Widhalm (Edition ch 2005), „Vom Umgang mit den Personen. Eine Schöpfungsgeschichte“ (Ritter Verlag 2005) sowie der Comic „Ein kleiner Schnitt. Unser Krebsjahr“ (ebenfalls gemeinsam mit Fritz Widhalm). Gedichtverfilmungen – Gedichte von 30 KollegInnen als Kurzfilme.
Vertonung von Kinderliedern auf der CD „Wenn ich ein Vöglein wär“.
Ilse Kilic und Fritz Widhalm betreiben in Wien „Glückschweinmuseum und Wohnzimmergalerie“ (8; Florianigasse 54, geöffnet: Di, Do FR 15 – 18.30 h).
aus: ACH DIE SPRACHE, edition zzoo Wien 2006

 
 
Liesl Ujvary: Kommentar zu Ilse Kilic
Ilse Kilic hat dem Lipogramm, insbesondere dem lipogrammatischen Roman, in der deutschen Literatur ein glanzvolles Comeback bereitet. Das Lipogramm als Genre verzichtet auf einen oder mehrere Laute, zb auf das R (im Barock von Theologen verfasste Predigten, vielleicht weil R schwer auszusprechen), George Perec schrieb einen vielbeachteten ganzen Roman ohne E, „La Disparition“, zu deutsch „Anton Voyls Fortgang“, übersetzt von Eugen Helmlé. Ilse Kilic hat eine andere Form der lipogrammatischen Programmierung verwendet – überall wo Oskar vorkommt, gibt es nur O und A, Lisl und Peter sind auf E und I beschränkt, Karl und Eberhard auf A und E, und Ulrike hat ein Putzi. Jede Person hat um sich ein semantisches Feld bzw eine vokalische Weltanschauung; sie sind im Wien der frühen 80ger Jahre verortet, zur Zeit der lila Latzhose, als es noch WGs gab, Beziehungen und Beziehungskrisen in einer bestimmten Weise erörtert wurden, jeder eine Therapie besuchte und alle links waren. Ernst Jandls Gedicht „ottos mops“, ein Lipogramm ganz anderer Art, ist ebenso eingearbeitet wie der damals aktive Inspektor Kottan aus der Fernsehserie „Kottan ermittelt“. „Oskars Moral“ ist ein perfektes, witziges Buch, ganz ohne experimentelles Gähn.
Es sei noch auf Ilse Kilic’ Comic-Zeichnungen verwiesen, ihre Gedichtverfilmungen und Trickfilme, und auf ihre anderen Bücher (siehe obige Zitate), die alle extrem rührend sind und die alle Klasse haben.


Text vom Vormonat - Ann Cotten