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liesl
ujvary: text des monats
Brigitta
Falkner
aus:
„Populäre Panoramen“,
unveröffentlichtes Manuskript
Mein
Knie berührt das Tischchen. Tee schwappt über den
Rand einer
Verschlußkappe. Eine Fliege föhnt ihre flimmernden
Härchen über der Lüftung.
Der Zug setzt sich langsam ruckelnd in Bewegung, indes es nun rechts
und links
in allen Farben zu blinken und aus dem Boden zu sprießen
beginnt, tropisch
anmutende Blüten einem ihre Staubgefäße und
Stempel entgegenrecken, und man
angesichts der penetrant knospenden Natur am Wegesrand die Augen
zusammenkneifen und sich fragen muß, warum eigentlich ein
Mangel an
Zurückhaltung und Feingefühl als unverblümt
bezeichnet werde, derweil meinem Gegenüber diese Verschwendung
metabolischer
Energien ein „Boah!“ entlockt, und der Zug an
quietschbunten Blumen und
glutäugigen Männern in orangefarbenen Overalls
vorbeischaukelt, wie eine
Kutsche, deren Spurweite übrigens mit der unserer Bahn
identisch ist, wobei die
von den englischen Postkutschen übernommene Spurweite, die
genaugenommen auf
die Breite der von den Streitwägen hinterlassenen Furchen in
den alten
römischen Langstreckenstraßen zurückgeht,
sogar in der Raumfahrt als Richtmaß
gilt. Auch die Booster der Space Shuttle dürfen
nämlich, da sie beim Transport
zur Startrampe mehrere enge Bahntunnel passieren müssen, das
für die
Normalspurbahn gültige Maß nicht
überschreiten, welches vor zweitausend Jahren
den Hinterteilen von zwei römischen Pferden entsprochen haben
mag. Die Frau
klemmt das Buch zwischen die Schenkel und fischt einen Lippenstift aus
der Tasche.
Jetzt gibt der Nervus falcius das Signal zur Kontraktion. Der Musculus
orbicularis oris zieht sich zusammen. Die Frau spitzt die Lippen, und
der
Musculus corrugator supercilii wird aktiv. Zwischen den Augenbrauen der
Frau
bildet sich eine senkrechte Furche, an deren Rändern die
Make-up-Schicht
abzubröckeln beginnt. Mit einem Ruck kommt der Zug zum Stehen.

Brigitta
Falkner, geb. 17. 6. 1959 in Wien. Lebt in Wien.
Buchpublikationen:
Anagramme Bildtexte Comics, Das fröhliche Wohnzimmer
1992; TOBREVIERSCHREIVERBOT – Palindrome, Ritter Verlag
Fabula rasa oder
Die methodische Schraube, Ritter Verlag 2001;
Bunte
Tuben, Urs Engeler Editor, Basel 2004.
Liesl
Ujvary, Kommentar zu Brigitta Falkner
Einen
Realismus der besonderen Art praktiziert Brigitta Falkner. Ob sie
traditionelle
Verfahren wie Anagramm, Palindrom oder Lipogramm anwendet, stets
nötigt sie die
Sprache, den Blick freizugeben auf Ansichten der Realiät,
für die der normale
Realismus blind ist. Ob es sich um „die Duotendenz von
Würstchen und Brüstchen“
(BUNTE TUBEN) handelt, um den klarsichtigen Sinnspruch „Sei
fies, tu erfreut“
(TOBREVIERSCHREIVERBOT) oder um „Infinitiv gilt
nicht“ (PRINZIP I).
In
dem
neuen Projekt „Populäre Panoramen“ geht es
u. a. um eine Bahnfahrt und sich
anbahnende Beziehungen zwischen Reisenden, ein schon in russischen
Romanen
beliebtes Thema. Aber diese Realität der Bahnfahrt
eröffnet nicht nur ein ständig
wechselndes Innen und Aussen, Zufallsfahrgäste und
mögliche Gefahrenmomente,
sie ist an sich vielschichtig, denn sie besteht aus dem gesamten
Hyperkubus
menschlichen Wissens, der hier zwanglos zwanghaft eine anatomische
Beschreibung
der Gesichtsmuskulatur beim Lippennachziehen ebenso einbezieht wie er
die Frage
nach der Spurweite der Bahn auf die römischen Pferdefuhrwerke
zurückführt, die
sich in der Normierung des Spaceshuttle-Transportsystems wiederfindet.
Von den
Elektronen, die massenhaft schwärmen, wenn in Synthetikfasern
gekleidete Beine
übereinandergeschlagen werden, ganz zu schweigen. Dieses
Geschehen spielt natürlich
nicht in einem gleichartig strukturierten euklidischen
Erzählraum, hier geht es
holterdipolter von Domäne zu Domäne, Mikrokosmos und
Makrokosmos schieben sich
in und übereinander, freudianischer Witz grinst
obszön dazwischen. In den
„Populären Panoramen“ formiert sich ein
Stück Literatur, extrem zeitgemäss,
sprachorientiert, witzig und kombiniert mit sehr klaren surrealen
Illustrationen aus Brigitta Falkners Bilderwerkstatt.
Im
Archiv sind folgende
Texte der vergangenen Monate auffindbar:
Konrad Bayer: niemand hilft mir! (mit freundlicher Genehmigung des
Klett-Cotta-Verlags)
Reinhard Priessnitz: Passage aus LINZ, RINGEL, etc. (mit freundlicher
Genehmigung des Literaturverlags Droschl)
Friederike Mayröcker: drei propositionen aus: je ein
umwölkter gipfel (mit Zustimmung des Suhrkamp -Verlags)
Ernst Jandl: die amsel (mit freundlicher Genehmigung des Luchterhand
Literaturverlages)
Raymond Roussel: Passage aus: Nouvelles Impressions d’Afrique
(mit freundlicher Genehmigung von Hanns Grössel)
Ulrich Schlotmann: Der Vorstehhund aus Die Freuden der Jagd
Ilse Kilic: aus Oskars Moral bzw. Vom Umgang mit den Personen (mit
freundlicher Genehmigung des Ritter Verlages)
Ann Cotten: Unter Linden
Velimir Chlebnikov: An den Erdball
Barbara Köhler: Muse : polytrop
Anselm Glück: Die Maske hinter dem Gesicht