(12) liesl ujvary: text des monats 


Brigitta Falkner

aus: „Populäre Panoramen“, unveröffentlichtes Manuskript
 
Mein Knie berührt das Tischchen. Tee schwappt über den Rand einer Verschlußkappe. Eine Fliege föhnt ihre flimmernden Härchen über der Lüftung. Der Zug setzt sich langsam ruckelnd in Bewegung, indes es nun rechts und links in allen Farben zu blinken und aus dem Boden zu sprießen beginnt, tropisch anmutende Blüten einem ihre Staubgefäße und Stempel entgegenrecken, und man angesichts der penetrant knospenden Natur am Wegesrand die Augen zusammenkneifen und sich fragen muß, warum eigentlich ein Mangel an Zurückhaltung und Feingefühl als unverblümt bezeichnet werde, derweil meinem Gegenüber diese Verschwendung metabolischer Energien ein „Boah!“ entlockt, und der Zug an quietschbunten Blumen und glutäugigen Männern in orangefarbenen Overalls vorbeischaukelt, wie eine Kutsche, deren Spurweite übrigens mit der unserer Bahn identisch ist, wobei die von den englischen Postkutschen übernommene Spurweite, die genaugenommen auf die Breite der von den Streitwägen hinterlassenen Furchen in den alten römischen Langstreckenstraßen zurückgeht, sogar in der Raumfahrt als Richtmaß gilt. Auch die Booster der Space Shuttle dürfen nämlich, da sie beim Transport zur Startrampe mehrere enge Bahntunnel passieren müssen, das für die Normalspurbahn gültige Maß nicht überschreiten, welches vor zweitausend Jahren den Hinterteilen von zwei römischen Pferden entsprochen haben mag. Die Frau klemmt das Buch zwischen die Schenkel und fischt einen Lippenstift aus der Tasche. Jetzt gibt der Nervus falcius das Signal zur Kontraktion. Der Musculus orbicularis oris zieht sich zusammen. Die Frau spitzt die Lippen, und der Musculus corrugator supercilii wird aktiv. Zwischen den Augenbrauen der Frau bildet sich eine senkrechte Furche, an deren Rändern die Make-up-Schicht abzubröckeln beginnt. Mit einem Ruck kommt der Zug zum Stehen.
 

 
Brigitta Falkner, geb. 17. 6. 1959 in Wien. Lebt in Wien.
Buchpublikationen: Anagramme Bildtexte Comics, Das fröhliche Wohnzimmer 1992; TOBREVIERSCHREIVERBOT – Palindrome, Ritter Verlag
Fabula rasa oder Die methodische Schraube, Ritter Verlag 2001;

Bunte Tuben, Urs Engeler Editor, Basel 2004.
 
 
Liesl Ujvary, Kommentar zu Brigitta Falkner

Einen Realismus der besonderen Art praktiziert Brigitta Falkner. Ob sie traditionelle Verfahren wie Anagramm, Palindrom oder Lipogramm anwendet, stets nötigt sie die Sprache, den Blick freizugeben auf Ansichten der Realiät, für die der normale Realismus blind ist. Ob es sich um „die Duotendenz von Würstchen und Brüstchen“ (BUNTE TUBEN) handelt, um den klarsichtigen Sinnspruch „Sei fies, tu erfreut“ (TOBREVIERSCHREIVERBOT) oder um „Infinitiv gilt nicht“ (PRINZIP I).
In dem neuen Projekt „Populäre Panoramen“ geht es u. a. um eine Bahnfahrt und sich anbahnende Beziehungen zwischen Reisenden, ein schon in russischen Romanen beliebtes Thema. Aber diese Realität der Bahnfahrt eröffnet nicht nur ein ständig wechselndes Innen und Aussen, Zufallsfahrgäste und mögliche Gefahrenmomente, sie ist an sich vielschichtig, denn sie besteht aus dem gesamten Hyperkubus menschlichen Wissens, der hier zwanglos zwanghaft eine anatomische Beschreibung der Gesichtsmuskulatur beim Lippennachziehen ebenso einbezieht wie er die Frage nach der Spurweite der Bahn auf die römischen Pferdefuhrwerke zurückführt, die sich in der Normierung des Spaceshuttle-Transportsystems wiederfindet. Von den Elektronen, die massenhaft schwärmen, wenn in Synthetikfasern gekleidete Beine übereinandergeschlagen werden, ganz zu schweigen. Dieses Geschehen spielt natürlich nicht in einem gleichartig strukturierten euklidischen Erzählraum, hier geht es holterdipolter von Domäne zu Domäne, Mikrokosmos und Makrokosmos schieben sich in und übereinander, freudianischer Witz grinst obszön dazwischen. In den „Populären Panoramen“ formiert sich ein Stück Literatur, extrem zeitgemäss, sprachorientiert, witzig und kombiniert mit sehr klaren surrealen Illustrationen aus Brigitta Falkners Bilderwerkstatt.




Im Archiv sind folgende Texte der vergangenen Monate auffindbar:

Konrad Bayer: niemand hilft mir! (mit freundlicher Genehmigung des Klett-Cotta-Verlags)
Reinhard Priessnitz: Passage aus LINZ, RINGEL, etc. (mit freundlicher Genehmigung des Literaturverlags Droschl)
Friederike Mayröcker: drei propositionen aus: je ein umwölkter gipfel (mit Zustimmung des Suhrkamp -Verlags)
Ernst Jandl: die amsel (mit freundlicher Genehmigung des Luchterhand Literaturverlages)
Raymond Roussel: Passage aus: Nouvelles Impressions d’Afrique (mit freundlicher Genehmigung von Hanns Grössel)
Ulrich Schlotmann: Der Vorstehhund aus Die Freuden der Jagd
Ilse Kilic: aus Oskars Moral bzw. Vom Umgang mit den Personen (mit freundlicher Genehmigung des Ritter Verlages)
Ann Cotten: Unter Linden
Velimir Chlebnikov: An den Erdball
Barbara Köhler: Muse : polytrop
Anselm Glück: Die Maske hinter dem Gesicht