(17)  liesl ujvary: text des monats 


zu Conlon Nancarrow
 
Conlon Nancarrow gilt als Pionier der elektronischen Musik, obwohl er nie elektronische Musik komponierte. Nancarrow schrieb seine Musik für das Player Piano oder Selbstspielklavier, in Deutschland auch Pianola genannt. Player Pianos wurden zu Beginn des 20. Jhds. zu Hunderttausenden hergestellt, Nancarrows Eltern besassen eines und auch die fesche Lola alias Marlene Dietrich hatte ein Pianola in ihrem Salon stehen. Das Player Piano ist eine Konstruktion, die einen Flügel mittels Gebläse und Vakuumtechnik bespielt, Noten und Spielanweisungen werden nach Lochkartenmanier in grosse Papierrollen gestanzt. Im bürgerlichen Salon spielte das Player Piano gängige Melodien, es verfügt jedoch über technische Möglichkeiten, die kein noch so perfekter Pianist mit seinen zehn Fingern erreichen kann. Nancarrow erkannte das metrische und rhythmische Potential des Player Pianos – komplizierteste Rhythmen und Metren können mit absoluter Präzision wiedergegeben werden, ebenso kontinuierliche Tempo- und Dynamikänderungen. Nancarrow reizte das Instrument voll aus – Klangfülle, Originalität und musikalischer Ideenreichtum seiner Kompositionen sind einzigartig in der modernen Musik. Ligeti meinte: „Nancarrow verkörpert die Synthese amerikanischer Tradition mit der Polyphonie Bachs und der Eleganz Strawinskys – mehr noch: Er ist der bedeutendste Komponist der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts.“ Nancarrow sagte über sich: „Ich schreibe einfach Musikstücke. Und es passiert einfach, dass viele davon unspielbar sind. Ich bin keineswegs darauf versessen, Dinge unspielbar zu machen. Einige wenige meiner Stücke könnten sogar ganz leicht gespielt werden, einige wenige. Tatsächlich könnte die Study No. 26, Kanon 1/1, mit einer Orgel, einem Orchester oder wie auch immer gespielt werden.“ Auf den Einwurf eines Kritikers, „… his soul is in the machine“, antwortete Nancarrow: „Das ist eine eigenartige Art, es auszudrücken, aber es ist grundsätzlich richtig.“ Den rasanten Rhythmen und metrischen Verschränkungen der Nancarrowschen Polyphonie erweist sich nur das Player Piano, manchmal auch als Double Player Piano, so richtig gewachsen.
 

Nancarrow vor Mozarts Geburtshaus 1989
 
play > “begegnungen mit conlon nancarrow”, 2002 WERGO, LC 00846, T 5982.
           track 15, Study for two Player Pianos No. 40 b, 4.21 min.
           http://ujvary.mur.at/nancarrow.html


Samuel Conlon Nancarrow wurde1912 in Texarkana, Arkansas, USA geboren.
Musikstudium, Trompete, in Michigan, Cincinnati und Boston. 1933 Eintritt in die kommunistische Partei. Spielt als Trompeter in verschiedenen Kapellen, u.a. in einer Schiffskapelle und reist nach Europa. Besucht London, Paris und Wien. Kämpft 1937 im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco. 1940 Emigration nach Mexiko aus politischen Gründen. Lebt zurückgezogen in Mexiko City und komponiert für Player Piano. In den frühen siebziger Jahren Besuche von James Tenney, Aaron Copland und John Cage. Ab 1980 Bekanntschaft mit György Ligeti, der ihn überall in Europa empfiehlt und bekannt macht. Viele Einladungen, u.a. 1982 zum Steirischen Herbst mit einem Kompositionsauftrag, 1989 bei „Töne Gegentöne“ in Wien. Diverse Ehrungen in Europa und in USA. Stirbt 1997 in Mexiko City.




Im Archiv sind folgende Texte der vergangenen Monate auffindbar:

Konrad Bayer: niemand hilft mir! (mit freundlicher Genehmigung des Klett-Cotta-Verlags)
Reinhard Priessnitz: Passage aus LINZ, RINGEL, etc. (mit freundlicher Genehmigung des Literaturverlags Droschl)
Friederike Mayröcker: drei propositionen aus: je ein umwölkter gipfel (mit Zustimmung des Suhrkamp -Verlags)
Ernst Jandl: die amsel (mit freundlicher Genehmigung des Luchterhand Literaturverlages)
Raymond Roussel: Passage aus: Nouvelles Impressions d’Afrique (mit freundlicher Genehmigung von Hanns Grössel)
Ulrich Schlotmann: Der Vorstehhund aus Die Freuden der Jagd
Ilse Kilic: aus Oskars Moral bzw. Vom Umgang mit den Personen (mit freundlicher Genehmigung des Ritter Verlages)
Ann Cotten: Unter Linden
Velimir Chlebnikov: An den Erdball
Barbara Köhler: Muse : polytrop
Anselm Glück: Die Maske hinter dem Gesicht
Brigitta Falkner: aus "Poluläre Panoramen", unveröffentlichtes Manuskript
"zu Kurt Gödel"
Monika Rinck: Ah, das Love Ding!
Sabine Scho: 2 Gedichte aus "Wahre Farben"
Herbert J. Wimmer: der zeitpfeil