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liesl
ujvary: text des monats
zu Katharina
Schultens, Gedichte
unter der
voraussetzung, man entfernte den schutz
gäbe
es zwei
möglichkeiten für den regen
am ende
jedes
fadens eine stecknadel
pinnte
er mich eng
an die matratze
steckte
dann aber
selber schon fest
der
himmel wäre
sozusagen indirekt
an mein
bett
gebunden jede drehung
die
sternenschale
unternehmen wollte
müßte
sie zunächst
bei mir beantragen
das
wären langwierige
verfahren da je-
de
einzelfeder
durchlaufen werden muss
bevor
ich mich
innerhalb eines gefüges
aus
metall draht
schaumstoff – holz oder
kunst
entscheide
an der welt zu drehen
dächte
man den
regen hingegen etwas stärker
in
strängen
vielleicht tragfähig als struktur
wären
es
angelhaken an jedem ende
nur
ganz
vorsichtig stäken sie durch
baumwolle
&
epidermis höben zunächst
die
äußre schale
in richtung sterne (jaja
schon
gut: war
nicht zu umgehen darling
transzendenz)
& in dieser dehnung ähnlich
der von
trauer
wenn eine akkordkombination
sie
auseinanderstieben läßt wie einen schwarm
–
wäre
die welt
ohnehin enthalten jede drehung
längst
geschehen
das regenstranggewirr wäre
mein
skalp – die
schale eine kopfhaut & der Körper –
endlich
einmal
konstruktiv am denkprozeß beteiligt
Katharina
Schultens, geboren 1980 in Kirchen an der Sieg, Rheinland-Pfalz,
aufgewachsen
in Betzdorf, Studium in Hildesheim (Kreatives Schreiben,
Kulturjournalismus).
Auslandsaufenthalte in St. Louis, USA, und Bologna, Italien. Seit 2005
in
Berlin, Arbeit als Referentin im Wissenschaftsmanagement. Gedichtband
„Aufbrüche“
2004 im Rhein-Mosel Verlag. Publikationen in Bella Triste, forum der
13,
Intendenzen.
Liesl Ujvary,
Kommentar
„es
geht grade immer um flexible sortierung, um eine bewegung, die sich
entzieht.
also diese holzkästen, in die man einsortieren konnte, nur
eben sind jetzt die
wände durchlässig und die glitzerdinger beweglich.
sowas wie rudel gut
erzogener libellen, die keinen krach machen, aber einmal quer durch die
struktur fliegen.“ so beschreibt katharina schultens die
anlage eines gedichts.
in der poetischen narration entfaltet sich ein flexibler raum,
körperbezogen, geprägt
von ganz unterschiedlichen ordnungen, durchwirkt von prozessen grob
physikalischer bis subtil informatorischer natur. das ist keine
gedankenlyrik. was
hier stattfindet, ist exzellentes parallel processing. diese gedichte
liefern verschränkungen
traditioneller metaphorischer (natur-)gesten, multipler technoider
projektionsflächen mit diversem alltagsinventar, wobei alles
in grosser
spannung gehalten bleibt. mannigfaltige metaebenen berühren,
überschneiden,
infiltrieren sich gegenseitig – nicht nur sprachlich, auch in
symbolischer
aktion. hier spürt man aktualität &
gegenwart: das fliessen, das stolpern,
die verletzungen, der ständige druck. „was ich
kann“, schreibt katharina
schultens über ihre arbeit: „ich kann
verträge aushandeln, ich kann in
matrixstrukturen denken, ich kann ein projekt koordinieren, ich kann
wasserdichte protokolle schreiben und bösartig
höfliche briefe, ich kann
unkooperative menschen in einem meeting versöhnen, ich kann
ein projekt
re/präsentieren, ich kann über die bande spielen, ich
kann mich durch ein
paragraphenwerk wühlen und ihnen eine lösung
präsentieren …“ dieses ihr
können
findet auch in den gedichten einen präzisen adäquaten
ausdruck.
Im
Archiv sind folgende
Texte der vergangenen Monate auffindbar:
Konrad Bayer: niemand hilft mir! (mit freundlicher Genehmigung des
Klett-Cotta-Verlags)
Reinhard Priessnitz: Passage aus LINZ, RINGEL, etc. (mit freundlicher
Genehmigung des Literaturverlags Droschl)
Friederike Mayröcker: drei propositionen aus: je ein
umwölkter gipfel (mit Zustimmung des Suhrkamp -Verlags)
Ernst Jandl: die amsel (mit freundlicher Genehmigung des Luchterhand
Literaturverlages)
Raymond Roussel: Passage aus: Nouvelles Impressions d’Afrique
(mit freundlicher Genehmigung von Hanns Grössel)
Ulrich Schlotmann: Der Vorstehhund aus Die Freuden der Jagd
Ilse Kilic: aus Oskars Moral bzw. Vom Umgang mit den Personen (mit
freundlicher Genehmigung des Ritter Verlages)
Ann Cotten: Unter Linden
Velimir Chlebnikov: An den Erdball
Barbara Köhler: Muse : polytrop
Anselm Glück: Die Maske hinter dem Gesicht
Brigitta Falkner: aus "Poluläre Panoramen",
unveröffentlichtes Manuskript
"zu Kurt Gödel"
Monika Rinck: Ah, das
Love Ding!
Sabine
Scho: 2 Gedichte aus "Wahre Farben"
Herbert J. Wimmer: der zeitpfeil
Conlon Nancarrow
Johannes Jansen: Im Durchgang