(19)  liesl ujvary: text des monats 


zu Katharina Schultens, Gedichte
 
unter der voraussetzung, man entfernte den schutz
 
gäbe es zwei möglichkeiten für den regen
am ende jedes fadens eine stecknadel
pinnte er mich eng an die matratze
steckte dann aber selber schon fest
der himmel wäre sozusagen indirekt
an mein bett gebunden jede drehung
die sternenschale unternehmen wollte
müßte sie zunächst bei mir beantragen
das wären langwierige verfahren da je-
de einzelfeder durchlaufen werden muss
bevor ich mich innerhalb eines gefüges
aus metall draht schaumstoff – holz oder
kunst entscheide an der welt zu drehen
 
dächte man den regen hingegen etwas stärker
in strängen vielleicht tragfähig als struktur
wären es angelhaken an jedem ende
nur ganz vorsichtig stäken sie durch
baumwolle & epidermis höben zunächst
die äußre schale in richtung sterne (jaja
schon gut: war nicht zu umgehen darling
transzendenz) & in dieser dehnung ähnlich
der von trauer wenn eine akkordkombination
sie auseinanderstieben läßt wie einen schwarm –
wäre die welt ohnehin enthalten jede drehung
längst geschehen das regenstranggewirr wäre
mein skalp – die schale eine kopfhaut & der Körper –
 
endlich einmal konstruktiv am denkprozeß beteiligt
 
 
Katharina Schultens, geboren 1980 in Kirchen an der Sieg, Rheinland-Pfalz, aufgewachsen in Betzdorf, Studium in Hildesheim (Kreatives Schreiben, Kulturjournalismus). Auslandsaufenthalte in St. Louis, USA, und Bologna, Italien. Seit 2005 in Berlin, Arbeit als Referentin im Wissenschaftsmanagement. Gedichtband „Aufbrüche“ 2004 im Rhein-Mosel Verlag. Publikationen in Bella Triste, forum der 13, Intendenzen.
 
 
Liesl Ujvary, Kommentar
„es geht grade immer um flexible sortierung, um eine bewegung, die sich entzieht. also diese holzkästen, in die man einsortieren konnte, nur eben sind jetzt die wände durchlässig und die glitzerdinger beweglich. sowas wie rudel gut erzogener libellen, die keinen krach machen, aber einmal quer durch die struktur fliegen.“ so beschreibt katharina schultens die anlage eines gedichts. in der poetischen narration entfaltet sich ein flexibler raum, körperbezogen, geprägt von ganz unterschiedlichen ordnungen, durchwirkt von prozessen grob physikalischer bis subtil informatorischer natur. das ist keine gedankenlyrik. was hier stattfindet, ist exzellentes parallel processing. diese gedichte liefern verschränkungen traditioneller metaphorischer (natur-)gesten, multipler technoider projektionsflächen mit diversem alltagsinventar, wobei alles in grosser spannung gehalten bleibt. mannigfaltige metaebenen berühren, überschneiden, infiltrieren sich gegenseitig – nicht nur sprachlich, auch in symbolischer aktion. hier spürt man aktualität & gegenwart: das fliessen, das stolpern, die verletzungen, der ständige druck. „was ich kann“, schreibt katharina schultens über ihre arbeit: „ich kann verträge aushandeln, ich kann in matrixstrukturen denken, ich kann ein projekt koordinieren, ich kann wasserdichte protokolle schreiben und bösartig höfliche briefe, ich kann unkooperative menschen in einem meeting versöhnen, ich kann ein projekt re/präsentieren, ich kann über die bande spielen, ich kann mich durch ein paragraphenwerk wühlen und ihnen eine lösung präsentieren …“ dieses ihr können findet auch in den gedichten einen präzisen adäquaten ausdruck.



Im Archiv sind folgende Texte der vergangenen Monate auffindbar:

Konrad Bayer: niemand hilft mir! (mit freundlicher Genehmigung des Klett-Cotta-Verlags)
Reinhard Priessnitz: Passage aus LINZ, RINGEL, etc. (mit freundlicher Genehmigung des Literaturverlags Droschl)
Friederike Mayröcker: drei propositionen aus: je ein umwölkter gipfel (mit Zustimmung des Suhrkamp -Verlags)
Ernst Jandl: die amsel (mit freundlicher Genehmigung des Luchterhand Literaturverlages)
Raymond Roussel: Passage aus: Nouvelles Impressions d’Afrique (mit freundlicher Genehmigung von Hanns Grössel)
Ulrich Schlotmann: Der Vorstehhund aus Die Freuden der Jagd
Ilse Kilic: aus Oskars Moral bzw. Vom Umgang mit den Personen (mit freundlicher Genehmigung des Ritter Verlages)
Ann Cotten: Unter Linden
Velimir Chlebnikov: An den Erdball
Barbara Köhler: Muse : polytrop
Anselm Glück: Die Maske hinter dem Gesicht
Brigitta Falkner: aus "Poluläre Panoramen", unveröffentlichtes Manuskript
"zu Kurt Gödel"
Monika Rinck: Ah, das Love Ding!
Sabine Scho: 2 Gedichte aus "Wahre Farben"
Herbert J. Wimmer: der zeitpfeil
Conlon Nancarrow
Johannes Jansen: Im Durchgang