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liesl
ujvary: text des monats
zu Gundi
Feyrer, aus: BILDERWASSER
Und
loderndes,
anderes Leuchten: ich zweifle daran, ob ich
überhaupt existiere (sicher, denn, nehme ich ein Glas in die
Hand, fällt es
nicht herunter, sondern bleibt wackelnd in der Luft stehen.
Gäbe es mich nicht,
würde man sagen, es schwebe).
…
Kein
wirkliches oder „wahres Ich“ sondern viele, alle;
täuschend und springend, vom
einen zum anderen. Von einer Person zur anderen schwimmen, mit einer
Person zu
anderen schwimmen; Ablehnung oder einfach Unfähigkeit, Maske
oder Person oder
gar Persönlichkeit zu zeigen, auftreten zu lassen.
Oder nicht einmal den Mut dazu, denn der
müsste eine
Grundlage haben, irgendetwas, von dem er sich zumindest
abstoßen kann: das kann
ich ihm nicht bieten.
Oder aber: ich könnte den Mut aus dem
Nichts
hervortreiben, aus dem Wort „nichts“, das ja doch
zumindestens aus ein paar
Buchstaben besteht, und diesen Ungrund in die Luft hineinbauen:
fliegen,
abstürzen, sich in die Lüfte erheben, um auf dem
Abschuß dieses Wortes zu
reiten wie Münchhausen auf seiner Kanonenkugel. Mut als
Impuls, Ausgedachtes,
das sich den Mantel einer Kraft umlegt. Sich voller Mut
vorwärtsstürzen, nichts
als Impuls selber sein, kann auch Dummheit heißen. Eben: mit
geschlossenen
Augen handeln, um nicht immer nachdenken zu müssen.
…
Man müsste alles beschreiben, fand sie.
Und dann begann sie, während des
Fahrradfahrens all
die tropfenden und flüssigen Zeichen auf
vorüberfliegende Autos, Häuser, Hunde
und Gräser zu schreiben. Fuhr sie am nächsten Tag
zurück, waren meistens die
Zeichen dann nur noch blaß zu sehen, sendeten aber
dafür ein angenehmes und
säuselndes Geräusch aus. Die Zeichen, die auf den
Wegen dieses Geräusches auf
sie heruntertropften, schrieb sie auch auf, wobei sie sie dicker
zeichnen
mußte, um die vom Vortag blaßgewordenen zu
überschreiben. So schaffte sie, die
Unentschlossenheit, sich Wände und Tunnel, überzog
damit ganze Städte und
Länder und wußte so immer, wo sie war.

„Selbstporträt
als Schriftstellerin mit achtbeinigem
Tisch“
Gundi Feyrer, geb. 1956 in Heilbronn, lebt in
Córdoba, Spanien. Kunst-Studium bei Franz-Erhardt Walther,
Gerhard Rühm und
Tomas Schmit, seither Ausstellungen von Buchobjekten, Multiples,
Zeichnungen,
Zeichentrickfilme, Video, Theaterstücke, Hörspiele
sowie Übersetzungen aus dem
Englischen, Französischen und Spanischen.
Zuletzt publiziert: Die Besteigung der Bilder
und
andere Essays, Stuttgart (Ed. Hans-Jörg Meyer) und London
(egdeware press)
1998; Die Fremde, Klagenfurt und Wien (Ritter) 2002. Die Wolldecke,
Wien
(Passagen) 2008.
liesl
ujvary,
kommentar
der
text, den gundi feyrer in form von worten, zeichnungen, plastiken,
filmen oder
hörspielen liefert, manifestiert sich uns immer als textur,
als poetisches und
poetologisches gewebe, das sich und sein tun selber betrachtet, seinen
wahrnehmungsfluss beobachtend reflektiert. dieses tun findet einerseits
ganz
direkt in der bildproduktion statt, andererseits hat es eben diese
immer im
blick und hält diesen schwebezustand, sozusagen auf messers
schneide, in aller
intensität parat. der leserin dem leser wird ein
prosa-konstrukt geboten, in
dem und mit dem man sich in einem wahrnehmungskontinuum bewegen kann
–
schweben, fliegen, schwimmen, radeln, alle fortbewegungsarten sind
erlaubt –
das zwar gundi feyrers kontinuum ist, von ihren mediterranen &
sonstigen vorlieben
geprägt, in dem wir uns aber voller freude ganz leicht
zurechtfinden, verführt
von vielen feinen metaphern ... und, nun ja, im lauf der
lektüre vielleicht
dazu verführt werden, die stimmungen und verläufe
unseres direkt nebenan existierenden
eigenen kontinuums sichtbar, fühlbar, erlebbar –
sagen wir, etwas leichter
erlebbar werden zu lassen.
Im
Archiv sind folgende
Texte der vergangenen Monate auffindbar:
Konrad Bayer: niemand hilft mir! (mit freundlicher Genehmigung des
Klett-Cotta-Verlags)
Reinhard Priessnitz: Passage aus LINZ, RINGEL, etc. (mit freundlicher
Genehmigung des Literaturverlags Droschl)
Friederike Mayröcker: drei propositionen aus: je ein
umwölkter gipfel (mit Zustimmung des Suhrkamp -Verlags)
Ernst Jandl: die amsel (mit freundlicher Genehmigung des Luchterhand
Literaturverlages)
Raymond Roussel: Passage aus: Nouvelles Impressions d’Afrique
(mit freundlicher Genehmigung von Hanns Grössel)
Ulrich Schlotmann: Der Vorstehhund aus Die Freuden der Jagd
Ilse Kilic: aus Oskars Moral bzw. Vom Umgang mit den Personen (mit
freundlicher Genehmigung des Ritter Verlages)
Ann Cotten: Unter Linden
Velimir Chlebnikov: An den Erdball
Barbara Köhler: Muse : polytrop
Anselm Glück: Die Maske hinter dem Gesicht
Brigitta Falkner: aus "Poluläre Panoramen",
unveröffentlichtes Manuskript
"zu Kurt Gödel"
Monika Rinck: Ah, das
Love Ding!
Sabine
Scho: 2 Gedichte aus "Wahre Farben"
Herbert J. Wimmer: der zeitpfeil
Conlon Nancarrow
Johannes Jansen: Im Durchgang
Katharina Schultens: Gedichte