(20)  liesl ujvary: text des monats 


zu Gundi Feyrer, aus: BILDERWASSER
 
Und loderndes, anderes Leuchten: ich zweifle daran, ob ich überhaupt existiere (sicher, denn, nehme ich ein Glas in die Hand, fällt es nicht herunter, sondern bleibt wackelnd in der Luft stehen. Gäbe es mich nicht, würde man sagen, es schwebe).

Kein wirkliches oder „wahres Ich“ sondern viele, alle; täuschend und springend, vom einen zum anderen. Von einer Person zur anderen schwimmen, mit einer Person zu anderen schwimmen; Ablehnung oder einfach Unfähigkeit, Maske oder Person oder gar Persönlichkeit zu zeigen, auftreten zu lassen.
Oder nicht einmal den Mut dazu, denn der müsste eine Grundlage haben, irgendetwas, von dem er sich zumindest abstoßen kann: das kann ich ihm nicht bieten.
Oder aber: ich könnte den Mut aus dem Nichts hervortreiben, aus dem Wort „nichts“, das ja doch zumindestens aus ein paar Buchstaben besteht, und diesen Ungrund in die Luft hineinbauen: fliegen, abstürzen, sich in die Lüfte erheben, um auf dem Abschuß dieses Wortes zu reiten wie Münchhausen auf seiner Kanonenkugel. Mut als Impuls, Ausgedachtes, das sich den Mantel einer Kraft umlegt. Sich voller Mut vorwärtsstürzen, nichts als Impuls selber sein, kann auch Dummheit heißen. Eben: mit geschlossenen Augen handeln, um nicht immer nachdenken zu müssen.

Man müsste alles beschreiben, fand sie.
Und dann begann sie, während des Fahrradfahrens all die tropfenden und flüssigen Zeichen auf vorüberfliegende Autos, Häuser, Hunde und Gräser zu schreiben. Fuhr sie am nächsten Tag zurück, waren meistens die Zeichen dann nur noch blaß zu sehen, sendeten aber dafür ein angenehmes und säuselndes Geräusch aus. Die Zeichen, die auf den Wegen dieses Geräusches auf sie heruntertropften, schrieb sie auch auf, wobei sie sie dicker zeichnen mußte, um die vom Vortag blaßgewordenen zu überschreiben. So schaffte sie, die Unentschlossenheit, sich Wände und Tunnel, überzog damit ganze Städte und Länder und wußte so immer, wo sie war.
 

„Selbstporträt als Schriftstellerin mit achtbeinigem Tisch“
 
Gundi Feyrer, geb. 1956 in Heilbronn, lebt in Córdoba, Spanien. Kunst-Studium bei Franz-Erhardt Walther, Gerhard Rühm und Tomas Schmit, seither Ausstellungen von Buchobjekten, Multiples, Zeichnungen, Zeichentrickfilme, Video, Theaterstücke, Hörspiele sowie Übersetzungen aus dem Englischen, Französischen und Spanischen.
Zuletzt publiziert: Die Besteigung der Bilder und andere Essays, Stuttgart (Ed. Hans-Jörg Meyer) und London (egdeware press) 1998; Die Fremde, Klagenfurt und Wien (Ritter) 2002. Die Wolldecke, Wien (Passagen) 2008.
 
 
liesl ujvary, kommentar
der text, den gundi feyrer in form von worten, zeichnungen, plastiken, filmen oder hörspielen liefert, manifestiert sich uns immer als textur, als poetisches und poetologisches gewebe, das sich und sein tun selber betrachtet, seinen wahrnehmungsfluss beobachtend reflektiert. dieses tun findet einerseits ganz direkt in der bildproduktion statt, andererseits hat es eben diese immer im blick und hält diesen schwebezustand, sozusagen auf messers schneide, in aller intensität parat. der leserin dem leser wird ein prosa-konstrukt geboten, in dem und mit dem man sich in einem wahrnehmungskontinuum bewegen kann – schweben, fliegen, schwimmen, radeln, alle fortbewegungsarten sind erlaubt – das zwar gundi feyrers kontinuum ist, von ihren mediterranen & sonstigen vorlieben geprägt, in dem wir uns aber voller freude ganz leicht zurechtfinden, verführt von vielen feinen metaphern ... und, nun ja, im lauf der lektüre vielleicht dazu verführt werden, die stimmungen und verläufe unseres direkt nebenan existierenden eigenen kontinuums sichtbar, fühlbar, erlebbar – sagen wir, etwas leichter erlebbar werden zu lassen.



Im Archiv sind folgende Texte der vergangenen Monate auffindbar:

Konrad Bayer: niemand hilft mir! (mit freundlicher Genehmigung des Klett-Cotta-Verlags)
Reinhard Priessnitz: Passage aus LINZ, RINGEL, etc. (mit freundlicher Genehmigung des Literaturverlags Droschl)
Friederike Mayröcker: drei propositionen aus: je ein umwölkter gipfel (mit Zustimmung des Suhrkamp -Verlags)
Ernst Jandl: die amsel (mit freundlicher Genehmigung des Luchterhand Literaturverlages)
Raymond Roussel: Passage aus: Nouvelles Impressions d’Afrique (mit freundlicher Genehmigung von Hanns Grössel)
Ulrich Schlotmann: Der Vorstehhund aus Die Freuden der Jagd
Ilse Kilic: aus Oskars Moral bzw. Vom Umgang mit den Personen (mit freundlicher Genehmigung des Ritter Verlages)
Ann Cotten: Unter Linden
Velimir Chlebnikov: An den Erdball
Barbara Köhler: Muse : polytrop
Anselm Glück: Die Maske hinter dem Gesicht
Brigitta Falkner: aus "Poluläre Panoramen", unveröffentlichtes Manuskript
"zu Kurt Gödel"
Monika Rinck: Ah, das Love Ding!
Sabine Scho: 2 Gedichte aus "Wahre Farben"
Herbert J. Wimmer: der zeitpfeil
Conlon Nancarrow
Johannes Jansen: Im Durchgang
Katharina Schultens: Gedichte