(23) text des monats, liesl ujvary:  Lisa Spalt

Winterweiß
Schneewittchen

Funktionierts? Das Ding, das nicht hört? Das die zeitgemäße Terminologie der Erziehung nicht versteht? Die aktuelle Bezeichnung seiner Ausbildung nicht kennt? Dieses Kind, das nichts und nichts annimmt? Für eine richtige Frau tätschelt Jungmutter breitbeinig ihren Fortwuchs im sich wölbenden Bauch ist ein Kind ein Gewinn, beweist es doch, dass sie eine – sie ins Futur projizierende – Kurve kriegen kann. Zukunftsexpansion denkt sie in sich drin: klar, reparierst du mich ganzheitlich /  dein Schaum zieht zisch ein und du saugst mein fett auf / mit Sacchariden / kontrollierst du / mein krauses Haar / machst Faltentiefe unsichtbar … Ja, Mutterliebe fühlt sich schwapp fühlen die werdenden Mutter, Liebe zu sich, dass sie sich Fruchtbarkeit bedeutende Kirschen lippenrot an dieOhren hängt, dass sie mit Gold als dem Grund legenden Prädikat der Frucht tragenden Gerste sich wiegt. Sie misst den Wert ihrer Ich-Aktie im Vorbeigehen an Schaufenster-Spiegeln sowie in wiederholbaren Glücksgefühlen. Ein das Körperprofil deutlich unterbrechendes Protzen gehört ihr zum Zähneputzen wie die Vokabel vomn Sauberkeitsritual, mit dem sie sich von der schmutzigen Welt unterscheiden kann. Hasenpfote im Schritt besingt sie ihr Bild, sobald kein mutterkörperfremdes Ohr den ihren Stolz verratenden Spruch vernimmt.O, frohe Erwartung wird. Bald strotzt die Mutter säugend mein Mutterkind funktioniert. Und da kann sie den werkenden Organismus als Schönheit auch schon vorweisen, wenn ihn wer sehen will.
Dosis von Spannung verursacht Mutterperle in der kindlichen Körperöffnung. Die dringt gern in die Schönheit. Die befördert Fremdkörper gulp in die blakende Höhle hinterm Kindermund. Mutterfreuden ist Mamah überwältigt. Milchqualität löst starkes Schlucken aus. Gehorsames Kind verschlingt im V-Ausschnitt sein pralles, zum Anreiz gewachsenes Brustobjekt. Und Mamahtschi drückt press. Dauernd betätigts mit Fleisch und Blut den warmen Mutter-Futtermaten, wo Papillengewebe die Speise temperiert, wo die Zungenzelle im Enzymbad einer liebenden Spucke etcera, was das Bäuchlein gluckernd assimiliert.
 
aus: Lisa Spalt, GRIMMS. Ritter Literatur, Wien Klagenfurt 2007.
 
Lisa Spalt, geboren 1970 in Hohenems. Studium der Deutschen Philologie und der Romanistik; zahlreiche Publikationen.
 
 
liesl ujvary, kommentar
lisa spalts prosa in GRIMMS ist  schnell, dicht und artifiziell. „War es in den Märchen noch die Moral, welche die ohnehin Schönen zum Glück von Ehe und Reichtum führen konnte, sind es jetzt so genannte Produkte, die versprechen, dass jeder und jede zur ewig jugendlichen Schönheit werden und so den Weg zur guten Person des Märchens (zum Winner) einschlagen kann. Die Frage nach dem Glück, dem Sinn des Lebens, kann sich auf der Folie dieser Produktordnung manchmal als eine recht jämmerliche darstellen.“ so die autorin über ihren text. der titel GRIMMS bezieht sich auf grimms märchen, oder eher auf eine „märchenhafte oberfläche“ im warhol’schen sinn, eine vertraute ikonografie, die zusätzlich eine kommentierende ebene in die warenwelt und ihre verlockungen einzieht. die botschaft des textes ist leicht entschlüsselt, vorgeführt wird die zurichtung der frau als optimiertes objekt der begierde durch konsequente befolgung aller anweisungenen von konsum und werbung. die durchführung allerdings ist höchst kunstvoll, sprachmaterial verschiedenster herkunft wird rasant ineinander montiert, sprachspiele & verbaler slapstick verbinden sich zu einem text, welcher der prosa ein ganz neues feld eröffnet – „wortschach auf höchstem niveau“, nennt es der rezensent günter vallaster.

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