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liesl ujvary über dieter sperl, aus: diamanten
und schund
Ein besonderer Tag
Ein heftiger Juliregen ging gerade nieder, als ich
mich eines Spaziergangs erinnerte, den ich vor etlichen Jahren in der Nähe von
Fraserburgh, an der Nordküste Schottlands, machte: Dort passierte es mir
unversehens – und das erste Mal in meinem Leben überhaupt – dass ich weit und
breit keine Menschen mehr in ihren individuell ausgerichteten und rastlos
scheinenden Drohgebärden auf mich zukommen sah. Soweit das Auge reichte, gab es
nur kleinwüchsige Sträucher, angedeutete Wege, Hügel, und ein mächtiger, klarer
und blauer Himmel strahlte eine tief in mich hineinreichende und wunderbare
Stille aus, sodass ich einige Zeit lang unwiderruflichen Schrittes durch dieses
Bild, dessen Teil ich geworden war, ging. Ich weiß nicht, wie ich es besser
sagen könnte, damit auch Sie sich von dieser aufgetretenen Weite empfangen
fühlen mögen, die mich immer noch fliegen lässt, wenn ich ihr bloß nahe komme.
Wahrscheinlich fragen Sie sich jedoch eher, welche allgemeine Bedeutung aus
solchem Gesagten resultiert, wenn man die täglichen Vereinbarungen einzuhalten
hat. Meine diesbezügliche Antwort lautet schlicht: Wir sollten uns vor allem darum bemühen, jedem
Augenblick mit äußerster Aufmerksamkeit und Klarheit zu begegnen, um endlich
dorthin zu gelangen, wo keine wie auch immer verwöhnte Welt, kein zurecht
gebogenes Universum uns anlächelt, als gälte es bloß ununterbrochen die selbst
gebastelten Weihnachtswünsche unserer Verwandten, die der Wissenschafter oder
Medienmenschen und all der anderen in unserem Gesichtsfeld auftauchenden und
wieder verschwindenden zu befriedigen. Ich weiß nicht, wie lange ich so dahin
ging, während mein Denken sich umfassend und angenehm richtungslos fort
bewegte. Waren es bloß Minuten? Oder doch eine halbe Stunde? Vielleicht
Stunden? Ich kann es beim besten Willen nicht sagen.
Der starke Regen ließ nun endlich nach, und der
Himmel wirkte erfrischt, wenn auch gleichzeitig träge von der fortgerückten
Stunde des Tages. Ich atmete ein paar Mal tief durch, dann trat ich von der
überdachten Terrasse des Kaffeehauses, in welchem ich mich während des Regens
aufgehalten hatte, auf die Strasse. Im selben Moment hörte ich eine
Frauenstimme in meiner Nähe sagen: Heute
ist ein besonderer Tag, um mir nichts zu merken. Überrascht von dem eben
Gehörten, blickte ich nun einer schlanken Frau, die lächelnd am Arm eines
kleinen, übergewichtigen, mit Goldketten behängten Mannes daherspazierte,
direkt in die Augen. Sie hatte blonde halblange, an den Enden nach außen
gewellte Haare mit brünetten Streifen und trug überdimensionale schwarze
viereckige 70er Jahre Sonnenbrillen. Außerdem einen dünnen Sommermantel mit
großem Stehkragen und doppelreihiger Knopfleiste im Sixties Style und dazu
schwarze Lackpumps von Miu Miu. Einen Moment lang hielt ich angespannt inne,
aber einem solchen Bild konnte ich begreiflicherweise nicht trauen, wandte mich
deshalb schleunigst davon ab und ging meines Weges, der mir nunmehr noch eine
Spur rätselhafter erschien als zuvor.
dieter sperl, geboren 1966 in wolfsberg, kärnten.
studium der deutschen philologie und philosophie in graz. lebt in wien. buchpublikationen,
herausgebertätigkeit, hörspiele, textinstallationen, workshops. zuletzt: RANDOM
WALKER. filmtagebuch, 2005 und ABSICHTSLOS.
roman, 2007. beide erschienen im ritter verlag, wien – klagenfurt.
liesl ujvary,
kommentar
dieter sperl
versammelt in seinem erzählzyklus „diamanten und schund“ eine grosse menge
nennen wir es semantische folien, in denen die unterschiedlichsten stimmungen,
lebensarten, gefühlswelten, handlungsanweisungen, motivkombinationen
beschrieben oder zumindest angedeutet werden. die spannweite ist im titel
„diamanten und schund“ vorgegeben. diese folien legt er übereinander – einige
sind transparent, manche fast opak – und lässt durch diese semantischen
tönungen lebenssituationen durchschimmern, in denen die personen wie eingefroren
gezeigt werden, gefangen in einem polyesterblock. dann – eine folie wird entfernt, eine andere eingezogen, und
die situation manifestiert sich komplett anders – kein polyester mehr, keine
festgezurrten konstrukte und konstanten, ein frischer luftzug eröffnet aussichten
auf beispielsweise extrem klare schottische hochmoore, natürlich menschenleer.
sperl möchte die wachheit der wahrnehmung fördern, er möchte lesehilfe
(lebenshilfe?) anbieten, „abflugrampen für neue gedanken, vielleicht nur
angerissene träume“. seine erzählungen sollen „emotionen schüren, unsere
selbstbeobachtung schärfen“. nun, die fragilität und zartheit seiner
erzählerischen texturen lassen dem leser alle möglichen freiheiten, weder winkt
ein zaunpfahl noch wird eine moral serviert. handlung im üblichen sinn gibt es
nicht, kausalität ist ausser kraft gesetzt. das leben ist ein gestrüpp, ja, aber
es ist nicht undurchdringlich – ist das die essenz?
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