(26) liesl ujvary über dieter sperl, aus: diamanten und schund
 
Ein besonderer Tag
 
Ein heftiger Juliregen ging gerade nieder, als ich mich eines Spaziergangs erinnerte, den ich vor etlichen Jahren in der Nähe von Fraserburgh, an der Nordküste Schottlands, machte: Dort passierte es mir unversehens – und das erste Mal in meinem Leben überhaupt – dass ich weit und breit keine Menschen mehr in ihren individuell ausgerichteten und rastlos scheinenden Drohgebärden auf mich zukommen sah. Soweit das Auge reichte, gab es nur kleinwüchsige Sträucher, angedeutete Wege, Hügel, und ein mächtiger, klarer und blauer Himmel strahlte eine tief in mich hineinreichende und wunderbare Stille aus, sodass ich einige Zeit lang unwiderruflichen Schrittes durch dieses Bild, dessen Teil ich geworden war, ging. Ich weiß nicht, wie ich es besser sagen könnte, damit auch Sie sich von dieser aufgetretenen Weite empfangen fühlen mögen, die mich immer noch fliegen lässt, wenn ich ihr bloß nahe komme. Wahrscheinlich fragen Sie sich jedoch eher, welche allgemeine Bedeutung aus solchem Gesagten resultiert, wenn man die täglichen Vereinbarungen einzuhalten hat. Meine diesbezügliche Antwort lautet schlicht: Wir sollten uns vor allem darum bemühen, jedem Augenblick mit äußerster Aufmerksamkeit und Klarheit zu begegnen, um endlich dorthin zu gelangen, wo keine wie auch immer verwöhnte Welt, kein zurecht gebogenes Universum uns anlächelt, als gälte es bloß ununterbrochen die selbst gebastelten Weihnachtswünsche unserer Verwandten, die der Wissenschafter oder Medienmenschen und all der anderen in unserem Gesichtsfeld auftauchenden und wieder verschwindenden zu befriedigen. Ich weiß nicht, wie lange ich so dahin ging, während mein Denken sich umfassend und angenehm richtungslos fort bewegte. Waren es bloß Minuten? Oder doch eine halbe Stunde? Vielleicht Stunden? Ich kann es beim besten Willen nicht sagen.
Der starke Regen ließ nun endlich nach, und der Himmel wirkte erfrischt, wenn auch gleichzeitig träge von der fortgerückten Stunde des Tages. Ich atmete ein paar Mal tief durch, dann trat ich von der überdachten Terrasse des Kaffeehauses, in welchem ich mich während des Regens aufgehalten hatte, auf die Strasse. Im selben Moment hörte ich eine Frauenstimme in meiner Nähe sagen: Heute ist ein besonderer Tag, um mir nichts zu merken. Überrascht von dem eben Gehörten, blickte ich nun einer schlanken Frau, die lächelnd am Arm eines kleinen, übergewichtigen, mit Goldketten behängten Mannes daherspazierte, direkt in die Augen. Sie hatte blonde halblange, an den Enden nach außen gewellte Haare mit brünetten Streifen und trug überdimensionale schwarze viereckige 70er Jahre Sonnenbrillen. Außerdem einen dünnen Sommermantel mit großem Stehkragen und doppelreihiger Knopfleiste im Sixties Style und dazu schwarze Lackpumps von Miu Miu. Einen Moment lang hielt ich angespannt inne, aber einem solchen Bild konnte ich begreiflicherweise nicht trauen, wandte mich deshalb schleunigst davon ab und ging meines Weges, der mir nunmehr noch eine Spur rätselhafter erschien als zuvor.
 

 
dieter sperl, geboren 1966 in wolfsberg, kärnten. studium der deutschen philologie und philosophie in graz. lebt in wien. buchpublikationen, herausgebertätigkeit, hörspiele, textinstallationen, workshops. zuletzt: RANDOM WALKER. filmtagebuch, 2005 und ABSICHTSLOS. roman, 2007. beide erschienen im ritter verlag, wien – klagenfurt.
 
 
liesl ujvary, kommentar
dieter sperl versammelt in seinem erzählzyklus „diamanten und schund“ eine grosse menge nennen wir es semantische folien, in denen die unterschiedlichsten stimmungen, lebensarten, gefühlswelten, handlungsanweisungen, motivkombinationen beschrieben oder zumindest angedeutet werden. die spannweite ist im titel „diamanten und schund“ vorgegeben. diese folien legt er übereinander – einige sind transparent, manche fast opak – und lässt durch diese semantischen tönungen lebenssituationen durchschimmern, in denen die personen wie eingefroren gezeigt werden, gefangen in einem polyesterblock. dann – eine  folie wird entfernt, eine andere eingezogen, und die situation manifestiert sich komplett anders – kein polyester mehr, keine festgezurrten konstrukte und konstanten, ein frischer luftzug eröffnet aussichten auf beispielsweise extrem klare schottische hochmoore, natürlich menschenleer. sperl möchte die wachheit der wahrnehmung fördern, er möchte lesehilfe (lebenshilfe?) anbieten, „abflugrampen für neue gedanken, vielleicht nur angerissene träume“. seine erzählungen sollen „emotionen schüren, unsere selbstbeobachtung schärfen“. nun, die fragilität und zartheit seiner erzählerischen texturen lassen dem leser alle möglichen freiheiten, weder winkt ein zaunpfahl noch wird eine moral serviert. handlung im üblichen sinn gibt es nicht, kausalität ist ausser kraft gesetzt. das leben ist ein gestrüpp, ja, aber es ist nicht undurchdringlich – ist das die essenz?


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