^ Alte Schmiede - Der Verein mit dem Hammer

Die Musikwerkstatt Alte Schmiede Wien

Musikalische Kommunikation zwischen Kommunion und Reflexion


Während die Zukunft wohl noch nie ganz so klar vor Augen gelegen haben mag wie das die Vergangenheit stets zu tun scheint, ist es in der Musik heute noch weniger denn je ausgemacht, wohin der Weg führt. In Anbetracht dieser Situation ist es angebracht und mittlerweile Sitte, vorsichtig und im Plural zu formulieren, also von »Wegen« zu sprechen. Nicht einmal die Gegenwart scheint überblickbar. Die einzelnen Szenen sind fragmentierter denn je und die Teilhabe an den verschiedenen Gruppierungen über per Netzwerktechnologie medialisierte Anwesenheit entkoppeln diese von Ort und Zeit. Musik, dereinst einmal flüchtig und ephemer, ist jederzeit und allerorts verfüg- und abrufbar geworden. Auch wenn es durch ihre allgegenwärtige Medialisierung so scheinen mag, ist Musik dennoch keine Ansammlung von Dateien im Netz, wie sie auch nie Partitur war, die es käuflich zu erwerben galt. Musik ereignet sich vielmehr in menschlicher Gesellschaft im Hier und Jetzt. Sie schafft und ordnet musizierende Gemeinschaften.
Musik, als die Gemeinschaft stiftende Kunstform schlechthin, unterstützt nicht nur spontane Bildung von Gemeinschaft, sondern neigt gerade dadurch auch dazu, zur Abgrenzung zwischen »wir« und »jene« beizutragen. Dies gilt keinesfalls etwa nur für politisch oder religiös motivierte Lieder, sondern auch für jene Bereiche des Musiklebens, die sich in Nachfolge avantgardistischer Ansätze sehen. Komponisten und Komponistinnen neuer instrumentaler Musik bewegen sich meist in streng definierten, institutionalisierten Bereichen, getrieben vom Streben danach, eigene Werke auf der als begrenzt angenommenen Stellfläche im virtuellen Museum musikalischer Meisterwerke unterzubringen; sie fertigen also oft adäquate Karrierekunst zur Ermöglichung von Kunstkarrieren an Kunstinstitutionen. In experimenteller, elektronischer Musik bilden sich immer wieder Rückkopplungsschleifen zwischen programmiertem Gegenüber und Musikschaffenden, die kaum mehr Aussteuerungsreserve für Bezüge außerhalb dieser Zuwendungsschleife erlauben. In esoterisch anmutender Abgeschlossenheit werden kleine Heimaten errichtet, die gar nicht mehr daran denken, sich selbst zu Lösungsvorschlägen für größere Gemeinschaften auf gesellschaftlicher Ebene zu erklären. Selbst nicht idiomatische, freie Improvisation entwickelte über die Jahre detaillierte, wenngleich implizite, Grammatiken von Freiheit und Nicht-Idiomatik. Strömungen, die aus Reflexion und Bewegungen zur Erweiterung bestehender Praxis entstanden, haben so ihre eigenen wohldefinierten Stilistiken und – mehr oder weniger – behaglichen, institutionellen Mikrokosmen ausgebildet.
Hier und heute in Wien mag auch ein Anschluss an die historischen, lokalen Musiktraditionen nicht mehr recht gelingen. Ganz Kontinental-Europa hat sich, mit wenigen Ausnahmen, in seiner Selbstwahrnehmung vom Zentrum der globalen Musikwelt an deren Peripherie verschoben. Noch schwingt der Gestus des komponierenden Herrenreiters in vielem, das sich in seinem Instrumentarium oder medialen Techniken auf die großen Traditionen bezieht, mit. Über die real existierende Musik, die musikalische Alltagskultur, aus der heraus sich diese großen Traditionen stets entwickelt haben, hat es jedoch keine Deutungshoheit mehr.
Die Weiterentwicklung von Harmonien in immer chromatischere Gefilde bis hin zur Atonalität, sowie die Erweiterung des Musikalischen mit Hilfe von Aufnahmetechnik um alles Hörbare ist vielen Formen von (Kunst-)Musikschaffen, auch Jahrzehnte nach Ende der Moderne, immer noch als Verpflichtung zum materialen Fortschritt eingeprägt. Viele der allgegenwärtigen, unsinnigen wie hinderlichen Gräben zwischen E- und U-Musik lassen sich darauf zurückführen.
Die Möglichkeiten, Musik aus wahrhaft unterschiedlichen Bereichen menschlichen Lebens zu hören, sind umfassender denn je. Die Kommunikationstechnik hat ihre Versprechen aus dem ausgehenden letzten Jahrtausend eindrucksvoll umgesetzt; Musik aus aller Welt und Zeit ist (solange ein Netz vorhanden) überall auf der Welt verfügbar, nicht nur theoretisch, sondern tatsächlich und – oft zum Nachteil der Musikschaffenden – kostenfrei. Unmengen grundsätzlich verschiedener Musiken existieren, sind frei zugänglich und unaufhörlich wächst deren Menge an. So unüberblickbar ist diese mittlerweile geworden, dass in den Computerwissenschaften Methoden zur automatischen Sortierung und Vermessung entwickelt werden, um so vollautomatisiert individuelle und dynamische Ordnungen im Wust der Klänge herstellen, Kuration als kommerzielle Dienstleistung zur Optimierung individuellen Musikkonsums anbieten zu können. In einer Welt, in der sich die Rollen und Funktionen von Musik derart fundamental verändern, werden sich diese Veränderungen auch in neuen Formen des Musizierens und der Reflexion auf dieses niederschlagen müssen.
Dieser Vielfalt an verfügbaren Musiken steht jedoch eine fundamentale Eigenschaft von Musik gegenüber, nämlich jene, dass sie Gemeinschaften formt und Identität stiftet. Gerade das endlos-flexible Subjekt der globalisierten Wirtschaft trägt – als Stütze und Halt – seine Heimat in Form von mp3-Dateien in seinen Kopfhörern. Denn in Musik kommen Menschen zusammen, mögen manche dieser auch nur medial, quasi hinter Lautsprechern, anwesend sein.
In ihrer Ermöglichung von Kommunion mit anderen, ihrer Kraft zur Affirmation des Augenblicks stärkt Musik die Glaubenskraft derer, die sich hörend, das heißt mit-musizierend in ihr vereinen. Und es ist gerade dieser Aspekt der Glaubensgemeinschaften in Musik, der in den potentiell unendlichen musikalisch-materialen Weiten der Möglichkeiten heute im Besonderen zu Reflexion über Musik anregt. Das gemeinschaftliche Erleben in Musik und die oft zitierte kritische Distanz der analytisch Hörenden der Neuen Musik sind unversöhnliche Gegnerinnen. Aber gemeinsam in den Augenblick finden heißt nicht,  jede Möglichkeit zur Differenz für immer hinter sich gelassen zu haben, und Musik zu reflektieren bedeutet ebenso wenig, sich prinzipiell jener gemeinsamen Feier, die Musik immer auch ist, zu verschließen.
Die Musikwerkstatt Alte Schmiede  Wien positioniert sich bewusst als Ort der musikalischen Kommunikation, die sich dieser unauflöslichen Spannung zwischen Kommunion, Affirmation und Reflexion in Musik aussetzt. Diese Kommunikation muss, um tatsächlich fruchtbar sein zu können, nicht nur Musikschaffende, sondern auch deren Publikum einschließen und darf eben nicht nur innerhalb der einzelnen Szenen und musikalischen Glaubensgemeinschaften mit ihren autorisierten Mitgliedern, sondern über diese hinaus erfolgen.
In ihrer Tradition als Ort musikalischer Kommunikation, in der langjährigen Kontinuität des Austauschs im Hier und Jetzt, benötigt die Musikwerkstatt Wien kein einzelnes, eng umrissenes (und deshalb auch einfach zu affichierendes) Motto, dem sie sich infolge unterzuordnen hätte, sondern sie strebt danach, das Er-Hören neuer Bezüge zu ermöglichen. Diese Kontinuität im Austausch kann in der rasanten Veränderung der uns umgebenden und von uns mitgetragenen musikalischen Realität nicht in einem Beharren auf vorgefasste Definitionen und althergebrachte Entwürfe davon bestehen, wie Musik der Gegenwart oder gar der Zukunft zu klingen und zu funktionieren habe. Vielmehr ist entscheidend, über die eigenen Kontext-Blasen hinweg Relevantes zum Erklingen und zur Sprache zu bringen.
Die Musikwerkstatt ist also kein Konzertsaal für die zeitlich begrenzte Realisierung älterer wie neuester Ausstellungsstücke aus dem virtuellen Museum musikalischer Meisterwerke, sondern will Raum und Möglichkeit bieten für musikalische Kommunikation, die auch abseits der gut eingeprobten Wege bloßer Affirmation, mit Mut zum gloriosen, vielleicht aber auch elendiglichem Scheitern, musizierende Gemeinschaften in der Weite zeitgenössischer Möglichkeiten reflektiert wie auch formt.

Volkmar Klien

 

Soeben erschienen: der neue Hammer!