Literarisches Quartier/ Literaturprogramm
März, April 2009


2.3. Melitta Breznik legt nach Erzählungen einen ersten Roman vor. Nordlicht kreist, wie schon die 2002 erschienene Erzählung Das Umstellformat, um eine Ärztin, die sich aufmacht, um die dunklen Stellen der eigenen Familiengeschichte zu erforschen. Die berufliche Tristesse des Krankenhausalltags, die Probleme mit ihrem Ehemann und die ungeklärte Frage nach dem Verbleib des Vaters, der während des Zweiten Weltkriegs als Soldat zeitweise auf den Lofoten stationiert gewesen war, treiben die Protagonistin nach Norwegen. Dort will die Ärztin Abstand zu ihrem früheren Leben gewinnen und die Spur des Vaters aufnehmen. Dabei lernt sie eine Norwegerin kennen und eine intensive Freundschaft zwischen den beiden Frauen beginnt.

Man ist kein besserer Mensch, wenn man Melitta Breznik gelesen hat, doch fühlt man tiefer, sieht man klarer, denkt man schärfer. Was will man mehr von Literatur. (Neue Zürcher Zeitung)

Melitta Breznik, *1961 in Kapfenberg (Steiermark), Studium der Medizin in Graz und Innsbruck, lebt als Schriftstellerin und Psychiaterin in Graubünden und Zürich. Veröffentlichungen: Nachtdienst. Erzählung (1995); Figuren. Erzählungen (1999); Das Umstellformat. Erzählung (2002).


3.3.+ 29.4. Wie entstehen Bücher, was geschieht an den Schreibtischen, Bildschirmen oder in den Notizbüchern von Menschen, die Bücher schreiben - und unter welchen Bedingungen? Auskunft darüber gibt es meist erst posthum, in Biographien bedeutender Autoren, oder Autobiographien, in den Tagebuch- und Briefbänden ihrer Werkausgaben. Nicht selten, gerade in Selbstauskünften, handelt es sich dabei um Stilisierungen, die auch größte Entbehrungen der weichzeichnerischen Dramaturgie von Erfolgsgeschichten einverleiben. Allzu oft aber, oder eigentlich fast immer, löst sich gerade das Soziale und Ökonomische auf diese Weise buchstäblich in Wohlgefallen auf, seien es nun in Bestseller-Erfolgen oder kulturhistorischer Kanonisierung zu Lebzeiten.

Dass aber von den Mühen des Alltäglichen gerade in einer Zeit immer weniger die Rede ist, in der „Erfolgsliteratur“ genau so ihren Platz in Fernsehen oder Hochglanzmagazinen findet, wie weit davon entfernte Selbstdarstellungskünste, verwundert kaum. Im Gegenteil, „Arbeit“, der „Faktor Arbeit“, tauchte in den letzten Jahren auch auf den Wirtschaftsseiten immer öfter als Klotz am Bein der Industrie auf - als Kostenfaktor, der nicht selten zu Standortwechsel in Billiglohnländer führte, um das Plus in Bilanzen, Börsenkursen oder dem Shareholder-Value nicht zu gefährden.

Es ist keine geringe Verdrängungsleistung, wenn die alltägliche Arbeit auch in der öffentlichen Wahrnehmung von Literatur kaum vorkommt. Während Arbeit und Leben gleichzeitig in nur wenig anderen Berufen noch auf eine solche, fast archaisch zu nennende Weise miteinander verbunden sind. Als Leben in Arbeit, als Arbeit am Leben – so dass Glück sich nicht in der abstrakten Leere ausgelagerter Lebensbereiche wie Freizeit, Urlaub oder Pension verliert, sondern immer wieder aufs Neue im Alltag zu suchen ist.

Solche Arbeit sichtbar zu machen, ist in den nächsten beiden Jahren Ziel eines Autorenlabors im Literarischen Quartier der „Alten Schmiede Wien“. So werden insgesamt achtzehn deutschsprachige Autorinnen und Autoren verschiedener Generationen und Literaturgattungen eingeladen, Einblick in die Einnahmen- und Ausgabensituation eines der Jahre ihres bisherigen Arbeitens zu geben. Auf Grundlage dieser Voraussetzungen soll es im Gespräch dann um die in diesem Zeitraum entstandenen oder eben auch gescheiterten literarischen Vorhaben gehen. So könnten in Form solch doppelter Buchführung gerade jene Zusammenhänge zwischen Leben und Schreiben kenntlich werden, die nur zu oft in der doppelten Buchführung der öffentlichen Oberflächen verschwimmen. (Martin Prinz)


Das Autorenlabor soll in den Jahren 2009 und 2010 rund 10 Veranstaltungsabende umfassen; parallel dazu wird Martin Prinz mit seinen Gästen einen „Essay in Fortsetzungen“ entwickeln, der in „Volltext“ und in der Zeitung der Alten Schmiede, „Der Hammer“ publiziert wird.

Martin Prinz, *1973 in Wien, aufgewachsen in Lilienfeld (NÖ). Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik. Lebt als freier Schriftsteller in Wien. Der Räuber. Erzählung (2002); Alle Habseligkeiten. Eine kurze Geschichte (2002); Puppenstille. Roman (2003); Ein Paar. Roman (2007).

Richard Obermayr, *1970 in Ried, lebt in Wien. Publikationen in Literaturzeitschriften und Anthologien (u.a. Die Welt an der ich schreibe, 2005); Einzelpublikation: Der gefälschte Himmel. Roman (1998).

Rosemarie Poiarkov, *1974 in Baden bei Wien, lebt in Wien. Studium der Philosophie, Germanistik und Politikwissenschaft. 2001 Stipendium des Stadtsenats Berlin, 2003 Alfred-Gesswein-Preis. Theaterarbeiten, Deutsch-als-Fremdsprache-Trainerin. Publikationen: Eine CD lang. Liebesgeschichten (2001); Wer, wenn nicht wir? Erzählung (2007).

Peter Kurzeck, *1943 in Tachau (Böhmen), lebt als freier Autor in Uzès (Südfrankreich) und Frankfurt am Main. Publikationen (Auswahl): Der Nussbaum gegenüber vom Laden, wo du Brot kaufst (1979); Das schwarze Buch (1982); Kein Frühling. Roman (1987/2007); Keiner stirbt. Roman (1990); Vor den Abendnachrichten. Erzählung (1996); Übers Eis. Roman (1997); Als Gast. Roman (2003); Ein Kirschkern im März. Roman (2004); Oktober und wer wir selbst sind. Roman (2007); Der Sommer, der bleibt. Peter Kurzeck erzählt das Dorf seiner Kindheit, 4 CDs (2007).


6.3. Im 20. Jahrhundert hatte der unabhängige litauische Staat nur zwei Jahrzehnte, von 1918 bis 1938, Zeit, um eine muttersprachliche Intelligenz und Literaturszene mit einer blühenden Zeitschriften-Landschaft heranzubilden, bevor ihr 1940 die sowjetische Okkupation, gefolgt von der Besetzung durch Nazi-Deutschland 1941 und der endgültigen sowjetischen Okkupation 1944 den Garaus machten. Bis zum Ende der Sowjetunion gab es eine freie litauische Literaturszene nur in der Emigration: bis etwa 1949 in Deutschland und auch in Österreich, danach vor allem in den USA. Natürlich sind diese in kleinen Exil- und zum Teil sogar in Selbstverlagen gedruckten Bücher über die litauische Emigrantenszene praktisch kaum hinausgekommen und wurden nicht übersetzt. Und nach Litauen selbst konnte diese Literatur erst nach der Wiedererrichtung des Staates im Jahr 1990 „heimkehren“ [....]

Das Heft LITAUEN LESEN kann und will kein „Überblick“ und schon gar kein „vollständiger“ über die litauische Literatur des letzten Jahrzehnts sein. Es will jedoch die Vielfalt an Themen, Stilen, Schreibweisen und Literaturauffassungen zeigen – und wie viel es an der jüngsten litauischen Literatur zu entdecken gäbe. (Aus dem Vorwort der rampe Heft 2/2009 von Cornelius Hell)


Sigitas Parulskis, *1965 in Obeliai, debütierte 1990 als Lyriker, verfasste drei Romane (im ersten, „Drei Sekunden Himmel“, 2002, verarbeitet er seinen Militärdienst bei der Sowjetarmee in der DDR), Essays und mehrere erfolgreiche Theaterstücke; als Dramatiker arbeitet er hauptsächlich mit dem international bekannten litauischen Regisseur Oskaras Koršunovas zusammen. Parulskis gilt als „Ekel“ der litauischen Literatur. Er seziert und exponiert zumeist sich selbst: ein weniger zynisches als vielmehr melancholisches, ratloses, versagendes Subjekt, das Schauder, Scham und Bestürzung auslöst. Für Parulskis ist dieses Subjekt ein sprachliches Konstrukt, dem er schreibend so nah wie möglich zu Leibe rückt: „Ich verstehe, dass ein Mensch, der offen über das, was in ihm vorgeht, spricht, widerwärtig wirkt, trotzdem bin ich mir sicher, dass Selbsterkenntnis ohne diesen Ekel … undenkbar ist.“ Parulskis erhielt 2004 den Litauischen Nationalpreis. In deutscher Sprache wurden seine Gedichte u. a. in den Zeitschriften Akzente (2002), Wespennest (2002), die horen (2004) und, zusammen mit einigen Prosatexten, in Krachkultur (2007) publiziert. Im Februar 2009 erschien der Roman „Drei Sekunden Himmel“ im Claassen Verlag.

Giedra Radvilavičiūtė, geboren 1960 in Panevėžys, beendete 1983 das Studium der Lituanistik an der Universität Vilnius und war als Lehrerin am Land tätig. 1986 übersiedelte sie nach Vilnius und arbeitete lange Zeit in verschiedenen Redaktionen. 1994-1997 lebte sie mit ihrer Familie in Chicago; in dieser Zeit gab sie zusammen mit ihrem Mann, dem Sprachwissenschaftler Giedrius Subačius, den Katalog der bis 1882 erschienenen lituanistischen und prussistischen Bücher der Newberry-Bibliothek von Chicago heraus.

Als Autorin von Erzählungen debütierte sie 1985, ihr wirklicher Eintritt in die litauische Literatur begann jedoch 1999, als sie Essays in der Kulturpresse zu veröffentlichen begann. 2003 erschien Radvilavičiūtės eigene Essaysammlung “Geplante Augenblicke”; 2004 Essaysammlung Suplanuotos akimirkos.

Die Autorin sieht die Welt mit Skepsis, schwarzer Selbstironie und Liebe zu den Menschen; Zufälligkeiten und Kleinigkeiten bekommen in ihren Texten eine existenzielle Bedeutung.

Tomas Venclova, *1937 in Klaipėda, 1960 Abschluss an der Universität Vilnius (litauische Sprache und Literatur); 1960-65 in Moskau, 1966-70 Semiotik-Studium bei Jurij Lotman in Tartu; 1966 auf Anregung von Algirdas J. Greimas Gründung des Semiotik-Kreises an der Universität Vilnius und Beginn der lebenslangen Freundschaft mit Joseph Brodsky. 1972 erschien Venclovas einziger in der Sowjetunion verlegter Lyrikband. 1975 schrieb er einen „offenen Brief“ an das Zentralkomitee der kommunistischen Partei, in dem er offen seine Meinung über den Kommunismus und seine Kulturpolitik äußerte. 1976 Mitbegründer der litauischen Helsinki-Gruppe ein; 1977 Emigration in die USA. Zunächst lehrte Venclova in Berkeley, dann an der Universität in Los Angeles, und seit 1980 am Lehrstuhl für slawische Literaturen der Universität Yale, wo er seit 1993 Professor ist. Venclova veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Publikationen und Essays in Litauisch, Polnisch, Russisch und Englisch.

Er gilt als der bedeutendste litauische Lyriker der Gegenwart. 1990 wurde er mit dem Vilenica-Preis und 2000 mit dem Nationalpreis der Republik Litauen ausgezeichnet.
Venclova übersetzte u. a. Lyrik von Anna Achmatowa, Boris Pasternak, Joseph Brodsky, Ossip Mandelstam, Wisława Szymborska, T. S. Eliot, Ezra Pound und Dylan Thomas ins Litauische. Sein dichterisches Werk wurde ins Englische, Unga
rische, Polnische, Tschechische, Russische, Slowenische und in andere Sprachen übersetzt. Auf deutsch erschienen zuletzt der Essay „Vilnius. Eine Stadt in Europa“ (edition suhrkamp 2006) und der Gedichtband „Gespräch im Winter“ (Suhrkamp 2007).


9.3. Die 1969 vom Dichter Gerald Bisinger herausgegebene Sammlung der Dichtungen H.C. Artmanns bietet, mit Ausnahme der Dialektgedichte, eine erste, weitgehend vollständige Übersicht über den umfassenden Artmann’schen poetischen Kosmos. Noch heute bewegt und begeistert das auf rund 500 Seiten entfaltete Labyrinth dichterischer Impulse, spontaner Eingebungen und komponierter Dichtungszyklen, in denen die codifizierte poetische Form mit ihrer Subversion einen offenen Dialog führt. Man kann dieses Buch nicht anders als ein literarisches Elementarereignis begreifen, das zugleich Zeugnis von einem die Lebensform bestimmenden dichterischen Freiheitsbegriff gibt, der in den heutigen normierten und normativen Zeiten fast schon sagenhaft wirkt. Das im Jahr 1964 von Konrad Bayer abgefasste und als Vorwort aufgenommene Porträt hans carl artmann und die wiener dichtergruppe vertieft noch diesen kulturgeschichtlichen Aspekt.

In jahrelanger, oft detektivischer Arbeit war es Gerald Bisinger, in einer editorischen Vorstufe gemeinsam mit dem Artmann-Freund Peter O. Chotjewitz, gelungen, die bis dahin eine verstreute, in mehr oder minder entlegenen Editionen veröffentlichte, oft aber unveröffentlichte Existenz führenden Gedichte Artmanns, auch die meisten der als verschollen geltenden, in diesem Buch zusammen zu fassen. In seinem Nachwort resümierte Bisinger im Dezember 1968 u.a.: Für Artmann ist Dichtung nicht Lebenszweck, sondern eine Selbstverständlichkeit seines Lebens; er findet, und er erzeugt Dichtung, läßt Gefundenes und selbst Geschriebenes zurück, um Neues zu schreiben und aufzufinden; hin und wieder macht er auch Rückgriffe.

Nur wenn man diese Haltung Artmanns kennt, läßt es sich verstehen, dass er keine vollständige, oder auch nur annähernd vollständige Sammlung seiner Gedichte (oder auch kurzen Prosa oder auch Theaterstücke) besitzt, daß er alle sogenannte Ordnungsarbeit gern seinen Freunden überläßt, nicht unfroh allerdings, daß sie doch jemand übernehmen will….

Dieser Band enthält Artmann-Gedichte aus 21 Jahren; auf Vollständigkeit der Sammlung wurde größter Wert gelegt, nicht zuletzt, um Legenden und Gerüchte mit einer Realität zu konfrontieren, die das Licht der Öffentlichkeit keineswegs zu scheuen braucht. Daß diese Sammlung dennoch nicht perfekt sein kann, ist ihr großer Vorteil, ist ein nicht vom Tisch zu fegender Hinweis auf die Lebendigkeit und Freiheit der Poesie, die sich jeder Institutionalisierung zwangsläufig entzieht.

H.C. Artmann, *12. Juni 1921 in Wien-Breitensee, † 5. Dez. 2000 in Wien. 1974 Großer Österreichischer Staatspreis, 1997 Georg-Büchner-Preis. Veröffentlichungen (Auswahl): med ana schwoazzn dintn, Gedichte (1958); hosn rosn baa. Dialektgedichte (mit Achleitner und Rühm, 1959); Von denen Husaren und anderen Seil-Tänzern. Roman (1959); das suchen nach den gestrigen tag oder schnee auf einem heißen brotwecken. Poetisches Tagebuch (1964); Dracula, Dracula. Ein transsylvanisches Abenteuer (1966); verbarium. Gedichte (1966); allerleirausch. neue schöne kinderreime (1967); Fleiß und Industrie. Prosa (1967); Die Anfangsbuchstaben der Flagge. Geschichten (1969); die fahrt zur insel nantucket. theater (1969); ein lilienweißer brief aus lincolnshire. gedichte aus 21 Jahren mit einem portrait h.c. artmanns von konrad bayer, hrsg. v. Gerald Bisinger (1969); Das im Walde verlorene Totem. Prosadichtung 1949-53 (1970); how much, schatzi. Prosa (1971); Die Jagd nach Dr. U. Prosa (1977); Nachrichten aus Nord und Süd. Prosa (1978); Grammatik der Rosen. Gesammelte Prosa. 3 Bände (1979); im schatten der burenwurst. Skizzen aus Wien (1983); die zerstörung einer schneiderpuppe. poetisches theater (1992); Das poetische Werk (10-bändige Kassette, 1994); Register der Sommermonde und Wintersonnen (1994); ein engel hilft mir frühaufstehn. Arbeiten für das Theater 2 (1995); goethe trifft lilo pulver (1996); Sämtliche Gedichte (2003).

Christoph Bartmann, *1955, Studium der Germanistik und Geschichte in Düsseldorf und Wien. Ab 1988 in verschiedenen leitenden Positionen für das Goethe-Institut in Santiago de Chile, Prag und Kopenhagen tätig, seit 2008 Leiter der Abteilung „Kultur und Information“ der Zentrale des Goethe Instituts in München. 2005 erschien Kopenhagen: Stadt der Dichter. Bartmann schreibt regelmäßig Literaturkritiken für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, die „Süddeutsche Zeitung“ und „Die Presse“.

Ferdinand Schmatz, *1953 in Korneuburg. Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Wien. Lebt als freier Schriftsteller in Wien. Herausgeber des Nachlasses von Reinhard Priessnitz (1986-1994). 2006 H.C. Artmann-Preis der Stadt Wien. Zuletzt erschienen: Tokyo, Echo oder wir bauen den Schacht zu Babel, weiter (2004); Durchleuchtung. Ein wilder Roman aus Danja und Franz (2007).

Peter Rosei, *1946 in Wien, wo er seit 1981 wieder lebt. Seit 1972 freier Schriftsteller und Verfasser von Romanen, Hörspielen, Essays, Übersetzungen, Gedichtbänden, Theaterstücken. Langjährige Freundschaft mit H.C. Artmann. Zuletzt erschienen: Wien Metropolis. Roman (2005); Die sog. Unsterblichkeit. Kleine Schriften (2006); Österreichs Größe, Österreichs Stolz. Ideentheater (2008).

Klaus Kastberger, *1963 in Gmunden. Literaturwissenschafter und Kritiker, Mitarbeiter des Österreichischen Literaturarchivs, Priv.-Doz. am Institut für Germanistik der Universität Wien. Zahlreiche Aufsätze zur Literatur des 20. Jahrhunderts, Herausgeber (gemeinsam mit Bernhard Fetz) der Reihe „Profile“. Neueste Publikationen: Vom Eigensinn des Schreibens. Produktionsweisen moderner österreichischer Literatur (2007); (Mit-Hg.) Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945 (2007).


10.3. Auf Josef Haslingers Hinweis wurde der australische Dichter John Mateer im Oktober 2006 erstmals zu einer Lesung in die Alte Schmiede eingeladen. Damit hatte sich ein Übersetzungsauftrag an den Schriftsteller und Anglisten Ludwig Roman Fleischer verbunden.

Dies führte über eine weitere Zusammenarbeit mit der Australischen Botschaft in Wien zur Vorbereitung der ersten deutschsprachigen Buchpublikation, die nun in dem von Fleischer mitgetragenen Autorenverlag Sisyphus erscheint und in Wien vom Autor mit seinem Übersetzer, in Leipzig mit seinem europäischen Mentor Josef Haslinger vorgestellt wird.

Wer John Mateer nicht näher kennt, könnte meinen, er schreibe Reisegedichte, aber Reisegedichte kann nur jemand schreiben, der weiß, wo er zu Hause ist. John Mateer ist immer auf Reisen. Ob in Australien, Südafrika, Indonesien oder Japan - er schreibt Gedichte, die nichts Geringeres wollen, als verstehen, was auf der Welt vorgeht.

Seine Poesie definiert sich jenseits kolonialer Begrifflichkeiten und nationaler Identitäten. Und so finden sich, je nachdem, welche kulturellen Bezüge die Gedichte herstellen, in Mateers Poesie auch Worte aus anderen Sprachen, zum Beispiel Afrikaans oder der Sprache Sumatras. Seine Gedichte haben eine eigene Dringlichkeit, herausfordernd und kompromisslos. So anschaulich und narrativ sie auch gestaltet sein mögen, sie sind keine Berichte, sondern seismografische Daten jener nicht linearen, sondern vielfach gekrümmten Bewegung, in der sich unsere Welt befindet. (Josef Haslinger)
John Mateer, *1971 in Roodepoort, Südafrika, wuchs bei Johannesburg und in Kanada auf. 1989 Übersiedlung nach Australien, er lebt in Melbourne und Perth. Er arbeitet als Kunstkritiker und veröffentlichte in Australien bisher fünf Gedichtbände: Loanwords, Barefoot Speech, Anachronism, Burning Swans, The Ancient Capital of Images und ein Indonesisches Journal; 2007 erschien in Südafrika der Gedichtband Southern Barbarians, der das portugiesische Kolonialreich thematisiert.

Ihm wurde der Victorian Premier's Prize for poetry und die Centenary Medal für seine Leistungen für die australische Literatur und Gesellschaft verliehen. Er war writer-in-residence in Sumatra, an der Western Australian Academy of Performing Arts, und in Kyoto. Neben Literaturfestivals in Australien nahm er u.a. am International Meeting of Poets in Coimbra, Portugal, an Poetry Africa in Durban, und an WORDfEAST in Singapore teil.

Seine Dichtung ist die eines Reisenden, Tourist oder Migrant, die zahlreiche Widersprüche der “globalisierten” Welt registriert. Freiheitsgrade bedingen zugleich eine permanente Bewegung und Heimatlosigkeit, kulturelle Traditionen und Sprachen erscheinen als vorübergehende und wechselnde Stationen und flüchtige Orientierungsmarken dieses nicht abschließbaren Unterwegs-Seins.

Der neueste, zweisprachig im SISYPHUS-Verlag erscheinende Gedichtband des in Südafrika geborenen und aufgewachsenen australischen Dichters John Mateer beinhaltet neue und in anderen Anthologien bereits veröffentlichte Lyrik. Narrative Bildersprache, bald homo-, bald polyphone Klangfärbung und eine stets kompromisslos moralische Haltung kennzeichnen Mateers Texte, für die er unter anderem den begehrten Victorian Premier´s Prize erhalten hat. Sie setzen sich mit einem Südafrika auseinander, das „ex-white“ – „einmal weiß“ war und dessen Gegenwart nur aus der Apartheid-Vergangenheit begreifbar wird. (Ludwig Roman Fleischer)


12.3. literatur im spannungsfeld familiärer bande. unter dem motto „verwandt/unverwandt“ spüren vier autorInnen dem nach, was uns allen als heile welt vorschwebt. und sich oftmals letztendlich als katastrophe herausstellt. christine werner erzählt in VERDAMMT die geschichte einer scheidungsanwältin, die ihre eigene trennung nicht auf die reihe bekommt. drei frauen bilden in eva jancaks UND TROTZDEM ein literarisches patchwork aus verzweiflung, verstörung und neuer zuversicht. cornelia travniceks junge protagonistin macht sich auf den weg nach afrika, um DIE ASCHE ihrer verstorbenen schwester zu verstreuen. das road-movie wird jedoch bald eine tour de force zum eigenen ich. david schalko schließlich schärft unseren blick für das abartige und den irrwitz von so mancher heutiger mann-frau-beziehung. (Friedrich Hahn)


16.3. Erich Hackls Geschichten befinden sich an einer Schnittstelle von Realität und Literatur. Mit scheinbar einfachen, tatsächlich aber sehr diffizilen literarischen Mitteln und einer knappen, genauen Sprache spüren sie realen Lebensgeschichten von Menschen nach, die sich auf die eine oder andere Weise gegen die ihnen aufgezwungenen Lebensumstände zur Wehr gesetzt haben. Der politische Anspruch, Leben darzustellen und zu bewahren, die sonst dem Vergessen anheimfallen würden, geht Hand in Hand mit dem literarischen Anspruch, diese Geschichten in einer ihnen angemessenen Form zu erzählen. Aufgrund dieser Poetik ist Abschied von Sidonie eines der herausragendsten Beispiele für einen respektvollen, kritisch forschenden und engagierten Umgang mit der österreichischen NS-Vergangenheit. (Georg Pichler)

Erich Hackl, *1954 in Steyr, Studium der Hispanistik und Germanistik; seit 1983 freiberuflicher Schriftsteller in Wien. Erzähler, Drehbuchautor, Herausgeber und Übersetzer vor allem iberischer und iberoamerikanischer Literatur. Zuletzt erschienen Die Hochzeit von Auschwitz. Eine Begebenheit (2002); Anprobieren eines Vaters. Geschichten und Erwägungen (2004); Als ob ein Engel. Erzählung nach dem Leben (2007). Zu Abschied von Sidonie erschien ein Materialienband, herausgegeben von Ursula Baumhauer.

Georg Pichler, *1961 in Graz, Studium der Germanistik und Romanistik, lebt seit 1990 in Madrid. Übersetzer und seit 2000 Universitätsprofessor für deutsche Sprache und Literatur. Aufsätze zur deutschsprachigen und spanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Herausgeber von: Porträt Erich Hackl (Die Rampe 3/ 05)


17.3. Gemeinsam mit dem Institut für Germanistik der Universität Wien entwickelt das Literarische Quartier der Alten Schmiede ab dem Sommersemester 2009 eine Reihe von Veranstaltungen in lockerer Folge, die einerseits das Lehrangebot der Universität einer interessierten Öffentlichkeit näher bringen, andererseits auch den Studierenden Möglichkeiten bieten sollen, gemeinsam mit den Lehrenden ihr Wissen in öffentlichem Rahmen zu erproben.


18.3. Die List und die Kraft der Literatur können sich besonders dann erweisen, wenn sie sich einem aussichtslosen Kampf stellt. Im Fall von Dubravka Ugrešić’ neuem Roman Baba Jaga legt ein Ei ist es der Kampf gegen das Alter, dem Frauen nicht nur aus biologischen, sondern aus gesellschaftlich-kulturellen Gründen in besonderem Ausmaß ausgesetzt sind. In seinem ersten Teil enthält der Roman eine beinahe wissenschaftlich präzise Dokumentation alterstypischer denkerischer und sprachlicher Defekte, eingebettet in eine biographische Erzählung einer um ihre alternde Mutter bemühten Tochter. Im zweiten Teil begibt sich ein Triumfeminat, eine sehr alte Frau, von der Mutter freundschaftlich „alte Hexe“ gerufen, die auch bald das Zeitliche segnet, mit zwei etwas jüngeren Begleiterinnen in einen tschechischen Kurort auf Erlebnisurlaub, der an Komik und Groteske nichts zu wünschen übrig lässt. Im dritten Teil dann werden anhand der Figur der Baba Jaga, der mehrdeutigen Hexe aus dem slawischen Mythenfundus, die vorangegangenen Teile ethnologisch-soziographisch in Form einer wissenschaftlichen Expertise für den Verlag interpretiert.

Zugleich schließt sich mit diesem Buch ein allegorischer Bogen der Lebensalter, zu dem Dubravka Ugrešić mit ihrem Roman Steffi Speck in den Fängen des Lebens vor mehr als 25 Jahren angesetzt hat.

Baba Jaga legt ein Ei zählt (so wie Volker Brauns „Machwerk“- siehe 28.2., Alte Schmiede) zu den scharfsinnigsten, witzigen und zugleich tiefgründigen Büchern, die in den letzten Jahren erschienen sind. Ein intellektuelles und literarisches Vergnügen.

Dubravka Ugrešić, *1949 in Kutina (Kroatien), Slawistin, Übersetzerin, Autorin von Drehbüchern, Erzählbänden, Romanen; 1989 als erste Frau mit dem höchsten jugoslawischen Literaturpreis (NIN) ausgezeichnet. Literaturdozentin an der Universität Zagreb, 1993 Emigration aus politischen Gründen, Dozenturen an mehreren europäischen Universitäten. Sie lebt derzeit in Amsterdam. Werkauswahl: Poza za prozu (Eine Pose für Prosa, 1978); Stefica Cvek u raljama zivota, Muster-Roman (Steffi Speck in den Fängen des Lebens, 1981); Forsiranje romana reke (Querung des Bewusstseinsflusses, 1988); Americki fikcionar (1994); auf Deutsch erschienen bisher: Der goldene Finger. Roman (1993); My American Fictionary (1994); Museum der bedingungslosen Kapitulation (1998); Die Kultur der Lüge. Essays (1995); Lesen verboten (2003); Das Ministerium der Schmerzen (2005); Keiner zu Hause. Essays (2007); Baba Jaga je snijela jaje/ Baba Jaga legt ein Ei (2008).


19.3. 1928, drei junge Frauen in Berlin: Sie lieben ohne Trauschein die Väter ihrer Kinder und auch andere Männer, die ihnen gefallen. Sie fragen nicht nach dem Recht der Frau – sie nehmen es sich. Sie leben, die Zeit des herannahenden Grauens erfordert es, den schweren Alltag des immer wieder anderen Exils. Olga geht nach Brasilien, Maria lebt in Moskau, Paris, Madrid und anderswo, Ruth schlägt sich nach Paris durch. Sie wünschen für sich und alle eine bessere Welt. Sie kämpfen, während das vermeintlich Unvermeidbare seinen Lauf nimmt. Am Ende schwebt über allem die bittersüße Frage nach dem Wert ihres Lebens und dem wirklichen Sinn all der verlorenen Schlachten.

Ein verstörender, ein zu Herzen gehender Roman über den deutschen Widerstand im Exil – voll enzyklopädischen Wissens. Ein Epos zwischen Trauer und Hoffnung im schicksalhaften 20. Jahrhundert.

Robert Cohen, *1941 in Zürich, lebt seit 1980 in den USA und ist Professor für deutsche Literatur an der Universität von New York. Vor der Hinwendung zur Germanistik studierte er an der staatlichen Filmhochschule in Paris, drehte als Regisseur zahlreiche Dokumentar-, Industrie- und Werbefilme, die vielfach ausgezeichnet wurden. Zahlreiche Veröffentlichungen zur deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts; Exil der frechen Frauen ist sein Romandebüt.


20.3. Die 1965 geborene, zwischen dem Weinviertel und Floridsdorf mäandrierende Künstlerin Magdalena Steiner startete im Sommer 2007 mit der Wiener Straßenzeitung „Augustin“ ein gewagtes Experiment. Ab der Ausgabe 195 entfaltet sich auf der Rückseite Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ in Comic-Form (aktuelle Ausgabe: Nr. 248). Im 14-Tages-Rhythmus illustriert die Künstlerin ausgewählte Passagen aus dem Jahrhundertroman. Die lineare Bildsequenz des herkömmlichen Comicstrips fehlt. Den Vorschlag, stilistisch an den in den 20er Jahren von der (skandalös vergessenen) avantgardistischen Wiener Künstlerin Erika Giovanna Klien geschaffenen Comicstrips anzuknüpfen, steuerte der Augustin bei. Klien war eine der herausragendsten Persönlichkeiten des Kinetismus, einer wienerischen Avantgardeströmung, die 2006 durch eine Ausstellung im Wien Museum eine späte Würdigung erfuhr.

Im Anschluss an die Ausstellungseröffnung: Präsentation der Ausgabe 3 der Text- und Miszellensammlung „101“. Der Zeitungstitel ist rasch erklärt. Die Auflage beträgt 101 Exemplare, viermal im Jahr. Während 1 Exemplar in den Literaturbetrieb geschleust wird (in Form einer Postsendung an die Galerie der Literaturzeitschriften), kursieren die restlichen 100 Stück im Freundes- und Bekanntenkreis der „101“-MacherInnen, das sind Martina Handler, Fanny Kaplan und Robert Sommer. Die neue Ausgabe enthält neben Eigentexten der „101“-ErfinderInnen einen Beitrag von Ilija Trojanow und eine Surrealistendebatte aus Paris, 1965, über Methoden des Schreibens. Aus dem Editorial der Nr. 1: „101 ist das Surrogat einer Zeitschrift, die noch geschaffen werden muss, wozu aber ausreichend Muße nötig wäre. Damit ist das Geheimnis der politischen Linie von 101 gelüftet: Den üblichen drei Prinzipien des besseren Lebens wird ein gleichberechtigtes viertes Prinzip zur Seite gestellt. Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit und Siesta.“ (Robert Sommer)

*

Drei Romane, deren HeldInnen verschiedene Behandlungen auf sich nehmen: Ludwig R. Fleischers Figur Gabriel nimmt an einem Therapieseminar für Eltern mit behinderten Kindern teil, kann sich jedoch unter der Last seiner Erinnerungen bei den Selbsterfahrungssitzungen kaum einbringen; Franz Kabelkas Chefinspektor Hagen, beruflich ausgebrannt, nimmt sich eine Auszeit in einer psychosomatischen Klinik, in der unter Patienten wie Ärzten heimliche Kämpfe toben; Britta Mühlbauers Ärztin Inga erfährt, dass ihr Mann sie betrügt, und flüchtet in eine nahe gelegene Therme, wo sie mit Schicksalsgenossen einen Wellness-Alptraum erlebt – „Anti-Aging“ nach einem tödlichen Erdrutsch.

Ludwig Roman Fleischer, *1952, studierte Anglistik und Philosophie. Er gewann 1990 den Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und veröffentlichte seither mehrere Romane und Erzählbände, zuletzt Zurück zur Schule. Roman (2006); Der Büttelschrei. Die Ilias, die Äneis und die Göttliche Komödie in Schüttelreimen (2007). Lebt und unterrichtet in Wien.

Franz Kabelka, *1954, studierte Germanistik und Anglistik. Er publizierte in Zeitschriften und Anthologien und schuf die Figur des Chefinspektors Hagen, über den zuletzt die Bände „Heimkehr“ (2004) und „Letzte Herberge“ (2006) erschienen. Lebt in Feldkirch.

Britta Mühlbauer, *1961, studierte Musik, Romanistik und Germanistik. Sie veröffentliche bisher Erzählungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. Lebt in Wien. (Reinhard Wegerth)


24.3. Das Exzeptionelle von Rutger Koplands Dichtung liegt in der Einbettung von kritischer Analyse und wissenschaftlicher Beobachtung in ein allgemeines und schrankenloses Bewusstsein von der Existenz. Dadurch ergibt sich ein stetes Feld der Spannung, in dem sich der poetische Funke entzündet. Zitate eines frühen und eines späten Gedichts mögen diese Spannung anschaulich machen: Die Dichtkunst ausüben heißt / mit der größtmöglichen Sorgfalt / konstatieren, dass beispielsweise / am frühen Morgen / die Vogelbeeren Tausende Tränen tragen / gleich einer Zeichnung aus der Kindheit / so rot und so viel (Vogelbeeren, 1966) und Wörter wissen von sich selbst nicht, wozu sie / gemacht sind – und so ist es mit allem auf der Welt / nichts weiß, wozu es da ist / und auch wir wissen es nicht /…..in meinem Kopf sucht jemand nach Wörtern für / etwas, das noch kein Gefühl ist und noch kein Gedanke // und langsam beginne ich zu fühlen und zu denken / dass auch der Obstgarten danach sucht – dass wir / dasselbe suchen, der Obstgarten und ich (aus Obstgarten, 2004).

Nobelpreisträger J. M. Coetzee schreibt in seinem Nachwort u.a.: Wie Leonardo ist Kopland ein Künstler, der die wissenschaftliche Sicht auf die Dinge nicht von Natur aus als seicht oder töricht betrachtet. „Ich bin ein Objektivist und Materialist“ schreibt er in einer Art poetischem Credo. Was aber nützt es uns, Objektivisten und Materialisten zu sein, haben wir einmal erkannt, dass es da etwas gibt im Aufbau des Pferdes und so vielleicht dem der ganzen natürlichen Welt, was sich dem wissenschaftlichen Blick verweigert? […] Die Dinge sprechen zu uns nicht von sich selbst, sagt Kopland, sie bestätigen bloß, „dass sie immer schon da waren, da sind und immer dasein werden, und sagen somit über uns, dass wir aus Zeit geformt sind.“

Kopland zählt nicht nur zu den bedeutendsten Lyrikern der Niederlande und wurde u.a. 1988 mit dem bedeutendsten Literaturpreis der Niederlande, dem P.C. Hooftprijs, und 1998 mit dem VSB Poesieprijs ausgezeichnet, sondern sein Werk wurde in zahlreichen Sprachen publiziert. Die Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ publizierte im Mai 2008 eine erste Auswahl auf Deutsch, im Herbst 2008 folgte die erste deutschsprachige Buchausgabe in der Übersetzung von Mirko Bonné und Hendrik Rost in der Edition Lyrik Kabinett des Hanser Verlags.

Rutger Kopland, *1934 in Goor, ist der Dichtername des emeritierten Professors am Department of Biological Psychiatry der Reichsuniversität Groningen in den Niederlanden, R. H. van den Hoofdakker. Die Reichsuniversität Utrecht verlieh ihm 1999 die Ehrendoktorwürde. Seine hauptsächlichen Forschungsgebiete sind Schlaf und Depression, er ist Autor und Co-Autor von Studien und Publikationen zu Themen wie Total sleep deprivation on endogenous depression (1975), Sleep disorders in depression (1986), Endogenous and exogenous components in the circadian variation of core body temperature in humans (1997); gesammelt erschienen seine wissenschaftlichen Schriften in De mens als speelgoed (1995) und Twee ambachten (2003).

Seit 1966 veröffentlichte Rutger Kopland dreizehn Gedichtebände, Onder het vee (1966); Het orgeltje van yesterday (1968); Alles op de fiets (1969); Wie wat vindt heeft slecht gezocht (1972); Een lege plek om te blijven (1975); Al die mooie beloften (1978); Dit uitzicht (1982); Voor het verdwijnt en daarna (1985); Dankzij de dingen (1989); Geduldig gereedschap (1993); Tot het ons loslaat (1997); Over het verlangen naar een sigaret (2001); Een man in de tuin (2004), sowie mehrere Bücher mit literarischen Essays.

Er lebt in Glimmen bei Groningen.


26.3. Jochen K. Schützes Roman von einem Vater und einem Sohn im geteilten Deutschland setzt in der Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts ein, als der Vater in der ostdeutschen Provinz stirbt und der Sohn widerwillig zum Begräbnis reisen soll. Er war aus dem Land vor zwanzig Jahren geflüchtet und hatte es seither nicht wieder gesehen. Kennmarken des väterlichen Lebenslaufs werden bei dieser Gelegenheit erzählend aktiviert - Verwundung im Ersten Weltkrieg, Begegnung mit Brecht in München, solide Existenz als Dorftierarzt, Verbitterung über den abgehauenen Sohn – und der Perspektive des Sohnes gegenübergestellt: die gefährliche Flucht zwei Jahre nach dem Mauerbau, die große Liebe, das Gewehr.

So unterschiedlich wie die Zeiten und Länder sind, in denen sich die Leben der beiden Männer abspielen, so verschieden ist auch ihre Art zu sprechen. Nur selten kommt es in einer Erinnerung oder in einem Wort zur Berührung.

Jochen K. Schütze, *1955, Schulzeit in beiden Teilen Deutschlands und in Wien. Studium in Wien und Marburg. Philosoph, Autor, Reiseleiter, lebt in Leipzig und Wien. Wissenschaftliche und essayistische Arbeiten zur modernen und postmodernen Literatur und Literaturkritik, Kulturphilosophie. Buchpublikationen: Gefährliche Geographie (1995); Goethe-Reisen (1998); Vom Fremden (2000).


30.3. Trotz der Initiative einzelner Zeitschriften und Verlage, der Arbeit so mancher Literaturhäuser und anderer Institutionen, des Engagements von vermittelnden ÜbersetzerInnen ist die Literatur Mazedoniens (mit Einschränkungen lässt sich das wohl vom Land insgesamt behaupten), für die meisten von uns ein weißer, aus vielen Fragezeichen bestehender Fleck auf der (literarischen) Landkarte Europas. Lauter Fragen, die sich mitunter auch als laute Fragen stellen. Dies mag damit zusammenhängen, dass in einem der jüngsten Staaten Europas – Mazedonien erklärte am 25. Jänner 1991 seine Unabhängigkeit – die Erinnerung an die Nationenbildung als soziopolitischer Prozess ebenso lebendig ist wie in einer der jüngsten kodifizierten Sprachen Europas – ein Alphabet und eine Rechtschreibung wurden 1945 herausgegeben – die Erinnerung an die Sprachentwicklung hin zu einer mazedonischen Standardsprache. Das Bezeichnen und Benennen, die Verwurzelung von Identität in der Sprache rücken in den Mittelpunkt politischen Interesses, und es scheint kaum verwunderlich, dass im Verlauf dieser Prozesse gerade der Streit mit dem Nachbarn Griechenland um die Landesbezeichnung für die junge Republik hohe Wellen schlägt. Aber auch die Philologien erwiesen sich einmal mehr als gegen ideologische Vereinnahmungen nicht immun.

Zudem liegt es auf der Hand, dass der Zwei- und Mehrsprachigkeit in einem multiethnischen Staat wie Mazedonien große Bedeutung zukommt. Der Anteil der albanischen Bevölkerung beträgt etwa ein Viertel der insgesamt 2,1 Millionen Einwohner, neben dem Mazedonischen und Albanischen wird in wesentlich geringerem Ausmaß auch Türkisch, Romani, Serbisch und Aromunisch gesprochen.

Raum- und Zeiterfahrungen sind es, denen in subtil-sensibler Sprache der Dichter Nikola Madžirov nachspürt. Wie das Geraune eines dicht verwobenen Stimmenteppichs erscheint im Gedicht „Weit weg“ ein Wir, in dessen Imaginations- und Erinnerungsraum Vergangenes und Gegenwärtiges in eins fallen.

Eines der produktivsten Genres der neueren mazedonischen Literatur ist die Dramatik. In der kleinen Theaterszene des Landes kamen zwischen 1999 und 2002 etwa dreißig neue Stücke und Adaptionen zur Aufführung, u.a. von Goran Stefanovski, der aufgrund seiner Teilnahme an internationalen Theaterfestivals auch verstärkte Aufmerksamkeit in anderen Ländern hat. Dass das Ausmaß des Interesses am Balkan mit dem Ausmaß an Verständnis für den Balkan dabei nicht notwendigerweise Hand in Hand geht, wird in Stefanovskis bereits 1999 entstandenem Essay „Geschichten aus dem Wilden Osten“ deutlich. Stefanovski, der in Großbritannien lebt, auf Englisch und Mazedonisch schreibt und publiziert, ist in Wien aufgrund des von ihm als Gemeinschaftsproduktion der Wiener Festwochen konzipierten, 2000 uraufgeführten Stücks „Hotel Europa“ bekannt. (Meri Disoski, Lena Brandauer, Andrea Zederbauer)

Nikola Madzirov, *1973 in Strumica, Mazedonien. Veröffentlichung von Lyrik, Erzählungen und Übersetzungen in diversen Periodika. Für den Gedichtband Zaklučeni vo gradot (Eingeschlossen in der Stadt) bekam er den Preis Studentski zbor für den besten Erstlingsband im Jahr 2000. War viele Jahre verantwortlicher Lyrik-Redakteur der elektronischen Zeitschrift Blesok. Zuletzt erschien der Gedichtband Premesten kamen (Versetzter Stein), für den er 2007 mit dem Hubert-Burda-Preis für junge osteuropäische Lyrik ausgezeichnet wurde. Bisher insgesamt vier Buchveröffentlichungen.

Goran Stefanovski, *1952 in Bitola, Mazedonien. Lebt in Canterbury, Großbritannien. Studium der Literatur- und Sprachwissenschaft, Anglistik sowie Dramengeschichte, Drehbuch und Intendanz in Belgrad und Skopje. 1986–1995 Assistenzprofessor an der dramatischen Fakultät der Universität Skopje. 1992–1995 Vizedirektor der dramatischen Fakultät Skopje. 1995–1998 Leiter des Instituts für Drehbuchschreiben in Skopje. Gastprofessuren in Schweden und den USA. Seit 2002 unterrichtet er Drehbuchschreiben am Institut für Medien und Kunst der Christ Church University in Canterbury. Verfasste zahlreiche Theaterstücke, Filmdrehbücher und Essays. Theaterproduktionen (Auswahl): Divo meso (Wildes Fleisch, 1979), Sarajevo (1993), Hotel Europa (2000), Demonot od debar maalo (Der Dämon vom Debarviertel, 2006).

Alexander Sitzmann, *1974 in Stuttgart, Studium der Skandinavistik und Slawistik in Wien, wo er derzeit forscht und lehrt; seit 1999 freiberuflicher literarischer Übersetzer aus dem Bulgarischen, Makedonischen und den skandinavischen Sprachen, zahlreiche Publikationen und Stipendien, 2004 Ehrenpreis des bulgarischen Kultusministeriums.


31.3. Von den zahllosen Lebenden und Toten, die Wien bevölkern, hebt Thomas Stangl in seinem dritten Roman zwei Personen heraus: Emilia, 17, die wir im Sommer 1937 kennenlernen (oder schon als Emilia Degen in Stangls Roman »Ihre Musik« kennen), am Vorabend der historischen Katastrophe, und Andreas, den Pubertierenden, der vierzig Jahre später, Ende der 70er Jahre, wie Emilia allein mit seiner Großmutter lebt und ebenfalls in eine private, vielleicht aber eigentlich politische Katastrophe gerät.
Geschichte ist nicht nur das, was sich schon ereignet hat, »Geschichte heißt, das kommt erst«, schreibt Thomas Stangl. Für seinen Roman bedeutet das, dass sich verborgene Motive, kaum merkliche Anklänge, Wiederholungen, Blicke, ja auch Menschen quer durch das Buch und die Zeiten ziehen.

Er schafft Räume des Übergangs, der Unschärfen, der Ahnungen und Déjà-vus, Räume für die Lebenden und die Toten, die Geschichte und ihre Opfer, Sterben und Verschwinden, Wirklichkeit und Traum. Thomas Stangls Sätze sind ein Rausch der Wahrnehmung, der die Grenzen zwischen Innen und Außen auflöst und eine befreiende Wirkung hat wie wenige Bücher, ein barock-romantisches Meisterwerk. (Literaturverlag Droschl)


Stangl öffnet uns Wahrnehmungstüren. Er arbeitet an der Wiedererschreibung der verlorenen Zeit. Das ist eine Literatur, in der ich mich sehr frei fühle. (Iris Radisch in ihrer Laudatio zum Telekom-Austria-Preis für einen Auszug aus Was kommt)

Thomas Stangl, *1966 in Wien, studierte Spanisch und Philosophie. Er lebt in Wien. Bücher: Der einzige Ort. Roman (2004) - aspekte-Preis für das beste deutschsprachige Debüt; Ihre Musik. Roman (2006); was kommt. Roman (2009).


1.4. Andreas Puff-Trojans Studie SchattenSchriften liefert erstmals eine umfassende Dokumentation deutschsprachiger und französischer Nachkriegsavantgarde und macht auf deren Bedeutung für das heutige Kunstverständnis aufmerksam: die Autoren der Wiener Gruppe, der Konkreten Poesie, der Lettristen um Isidore Isou, der Situationisten um Debord, der Autorengruppierung Oulipo (= »Werkstatt für potentielle Literatur«), allen voran Raymond Queneau und Georges Perec, aber auch Autoren wie Ilse Aichinger, H. M. Enzensberger, Réné Char und Philippe Sollers.

Die Autoren der Nachkriegsavantgarde nehmen zwar mehrfach auf ihre Vorgänger Bezug, doch ihre Erfahrung ist eine andere: Den Zweiten Weltkrieg, Faschismus und Holocaust vor Augen erleben sie die Aufteilung der Welt in zwei Machtblöcke und die damit verbundene atomare Aufrüstung. Die Kubakrise von 1962 machte allen klar, dass die Welt ab nun auch unter dem

Begriff »Auslöschung« zu bedenken ist. So sind die Begriffe »Auslöschung«, »effacement«, »Verschwinden«, »disparition«, die »page blanche« als weiße, unbeschriftete oder schon durch Feuer geschwärzte Seite durchgängige Leitbilder ihrer Schriften. Es sind SchattenSchriften.

Die Avantgarde ist in den Schatten getreten, aber ihre Myzele bestimmen weiterhin unsere Vorstellungen von Literatur. Andreas Puff-Trojan legt dieses Geflecht frei und lenkt unseren Blick auf einen Reichtum der Beziehungen, der unserer verkitschten Gegenwart zu denken geben sollte. (Michael Krüger, Hanser Verlag)


Andreas Puff-Trojan, *1960 in Wien. Studium der Germanistik, Philosophie und Logik. Universitätslektorate in Budapest und Paris. Privatdozent für allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Osnabrück, Lehrbeauftragter u.a. an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Kulturjournalist. Zahlreiche Veröffentlichungen in deutscher und französischer Sprache. Publikationen (Auswahl): Textwechsel (Mitherausgeber und Autor, 1992); Wien/Berlin/Dada. Reisen mit Dr. Serner (1993); Der Pfiff aufs Ganze. Studien zu Walter Serner (Mitherausgeber und Autor, 1998).

*

Alles beginnt mit einem Telefonanruf: mit einer vergessenen Handtasche und einer Namensverwechslung. Wo und wer ist Elisabeth Cejpek?

Für den Autor Lucas Cejpek beginnt eine Spurensuche, auch in der eigenen Biografie. Anhaltspunkte bilden dabei die Dinge, die Elisabeth zurückgelassen hat: eine Krokodilledertasche, eine Kinokarte für Romance oder ein zyklamroter Lippenstift. Jedes einzelne Ding eröffnet ein eigenes Feld, das zu Ab- und Ausschweifungen führt.

Ein Treffpunkt all dieser Fantasien ist Dubai, das Disneyland des globalen Warenverkehrs. Ein anderer Bezugspunkt ist der Mittelwesten der USA, der im Zeichen des Sturms steht: der meteorologischen und finanzpolitischen Krise. Auf der Suche nach der Hauptfigur seines Romans wird das Buch für den Autor zu einem Puzzle, das sich nie zu einem ganzen Bild fügt. Eine Leerstelle ist schließlich ein Versprechen, das sich unterschiedlich erfüllen lässt, durch

die jeweilige Leserin oder den Leser.

Lucas Cejpek, *1956 in Wien, aufgewachsen in Graz, Studium der Germanistik und Amerikanistik, lebt als freier Schriftsteller und Regisseur in Wien. Hörspiele, Minidramen. Romane, Essays und Gesprächsbücher. Romane bei Sonderzahl: Ludwig (1989); Vera Vera (1992); Ihr Wunsch. Gesellschaftsroman (1996); Keine Namen (2001).


2.4. Der Schriftsteller, Publizist und Historiker Petr Placák, in den 80er Jahren einer der aktivsten und kompromisslosesten Repräsentanten der jüngeren tschechischen Dissidentenszene, wurde als Sohn eines angesehenen Mediziners am 8.1.1964 in Prag geboren. Ab den 70er Jahren wurde die Familie wegen der regimekritischen Aktivitäten des Vaters, der 1981 Sprecher der CHARTA 77 war, von der Polizei verfolgt und schikaniert. Placák absolvierte eine technische Fachschule und schloss eine Mechanikerlehre ab, der Zugang zum angestrebten Studium an der Technischen Hochschule wurde ihm verwehrt. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit untergeordneten manuellen Tätigkeiten.

Er debütierte 1985 mit dem im Samizdat erschienenen und in den Kreisen der inoffiziellen Literatur als literarische Sensation geltenden Roman Medorek und gehörte zum Autorenkreis um die 1985 gegründete Samizdat-Zeitschrift Revolver Revue. In den 90iger Jahren, nach Ende des Kommunismus, arbeitete er als Redakteur, Chefredakteur und Verlagsleiter, von 1992 bis 2000 studierte er an der Prager Karlsuniversität Geschichte. Zu weiteren Werken Petr Placáks zählen u.a. der Gedichtband Obrovský zasněžený hřbitov (Ein riesiger verschneiter Friedhof), 1987 (Samizdat), die Erzählungen Cestou za dobrodružství (Unterwegs zum Abenteuer), 2001, Kádrový dotazník (Kaderfragebogen), 2001 (Interviewes mit ehemaligen Underground-Autoren) sowie die historische Arbeit Svatováclavské milénium - Češi, Němci a Slováci (Sankt-Wenzel-Milleniumsfeier – Tschechen, Deutsche und Slowakenim Jahre 1929), 2002.

In der in Prag handelnden vielschichtigen Prosa „Fízl“ (Der Spitzel; Prag 2007) schildert Petr Placák unter Einbeziehung der über ihn geführten Akte sein von polizeilicher Verfolgung geprägtes Leben in der ČSSR der 70er und 80er Jahre. Er beabsichtigte nicht nur, an seinem Beispiel die Tätigkeit der damals allgegenwärtigen Staatspolizei aufzuzeigen, sondern stellt in seinem Buch auch das Problem der menschlichen Freiheit an sich zur Diskussion.

(Christa Rothmeier)


6.4. Teresa Präauer komponiert in ihrem Schreibprojekt „Indiskretionen“ Worträtselbilder in atemberaubendem Tempo - im wahrsten Sinn zauberhafte - Kreationen, dem Erzählerischen abhold. Peter Miniböcks Prosaprojekt „wortkarg. Erprobungen an Analogien“ lässt sich sowohl von den Gemälden des bekannten amerikanischen Malers Edward Hopper als auch von den Tagebuchtexten von Robert Lax, einem weniger bekannten amerikanischen Schriftsteller, zu Verdichtungen inspirieren. Auch Elisabeth Vera Rathenböck pflegt in ihrem Prosaband „Die Stunde der Nattern. Bilder einer Kindheit“ eine bildhafte Sprache, indem sie, sich erinnernd, eintaucht in die Welt des Mädchens, das sie einmal war.

Teresa Präauer, *1979 in Linz, bildende Künstlerin, Schriftstellerin mit Interesse an grenz- und spartenübergreifenden Projekten, lebt in Wien. U.a. Klasse für Malerei am Mozarteum Salzburg, Studium der Philologie in Salzburg und Berlin, Aufenthalte in Dresden und Budapest. Literarische Veröffentlichungen in SALZ, Zeitschrift für Literatur 123/2006 und 134/2008.

Peter Miniböck, *1946 in Wien, lebt seit 1983 in Mödling/NÖ. Schreibt Prosa and Lyrik. Einzelpublikationen sowie Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien und im Rundfunk. Zuletzt: Iwan oder die Stadt heißt immer noch Wien. Roman (2006); Meine Liebe, in: süchtig. Anthologie des P.E.N.-Club 2007.

Elisabeth Vera Rathenböck, *1966 in Linz, Mag. Art, lebt als freischaffende Schriftstellerin in Steyr und Wien. Theaterstücke für Kinder und Erwachsene, zuletzt: Olga ist verdreht, Theater des Kindes Linz (2007), Buchpublikationen: Memento Mori, Roman, Neuauflage Linz (2001), Marathon, Novelle, Wels (2001), Olga ist verdreht, Bilderbuch (2009). (Katharina Riese)


15.4. Mit Das weiße Jahr ist nun im Ritter Verlag der zweite Teil der seit mehreren Jahren andauernden Reisebewegung des Autors und experimentellen Radiokünstlers Peter Pessl durch den indischen und tibetischen Himalaya erschienen. Die Expedition in das Reich der »Himmelstänzerinnen« und »Luftgängerinnen«, die der Autor 2006 in den Dakini-Dialogen begann, setzt sich nun durch die nordindischen Gegenden Kulu, Lahaul und Ladakh fort.

Erzählungen, Notizen, Prosagedichte, Gedichte, Essays sowie 62 Zeichnungen schaffen ein hybrides Netzwerk, in dem Meditationen zu entlegenen Landschaften und surrealen Kultstätten, Überlegungen zu alpinen Architekturen und Lebensweisen, Begegnungen mit Gottheiten und Geistwesen ebenso Platz haben wie wütende Abrechnungen mit »dem verhassten Politischen«, der schonungslose Außenblick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit eines Trauma-Österreich. (Ritter Verlag)

Peter Pessl, *1963 in Frankfurt am Main, lebt in Wien. Freier Schriftsteller seit 1984 und Radiokünstler seit Beginn der 90er. Buchpublikationen u.a.: Mein Ohr alle Welt. Gedichte (1987); Aber das ist nicht die Stille. Prosa (1989); Regen im Gesicht. Letzte Erzählungen zur Grausamkeit. Erzählungen (1992); BLUMARINE. Letzte Erzählungen zur Revolution. Erzählungen (1998); Do forgive me. Erzählung (2002); Der Brief mit der Aufschrift. Ein Kriminal (2005); Die Dakini-Dialoge. Aufzeichnungen aus dem Himalaya (2006).


*

Wie bei M. C. Eschers berühmtem Bild der sich selbst zeichnenden Hand schreibt sich dieser Text wie von selbst, fällt sich aber auch ständig ins Wort und treibt so sein lustvolles Sprachspiel auf die Spitze: Findet seine Fortsetzung in den Unterbrechungen, die Unterbrechungen wiederum gehen bruchlos im Textganzen auf.

X liebt die Y und Y den X – doch sie können zueinander nicht kommen. Sie gehen, flanieren, eilen durch die Stadt, besuchen Kaffeehäuser und Freunde, schreiben und studieren, denken nach und diskutieren, trinken und schlafen – aber all dies nicht miteinander. Wer steht ihnen im Weg? Der Autor Peter Clar, der sie aber doch geschaffen hat? Was steht ihnen im Weg? Die Sprache, die sie aber in Bewegung und am Leben hält?

In seinem ebenso unterhaltsamen wie geistreichen Debüt „Nehmen Sie mich beim Wort“ gibt Peter Clar keine Antworten, hält vielmehr wie ein Jongleur alle seine Bälle virtuos in der Luft – die Antworten stecken letztendlich in der Sprache selbst, sie ist die einzig gültige Autorität: »Wie zufällig fallen mir die Worte aufs Papier, ich setze den Stift an und konzentriere mich und schreibe!, aber plötzlich steht da etwas ganz anderes als ich wollte, etwas völlig Ungewohntes, Ungewolltes, (…). Und so geht alles immer seinen Weg, aber nie den meinen …«

Peter Clar, *1980 in Villach, Kärnten, Studium der Komparatistik, Spanisch und der Germanistik an der Universität Wien und an der Universidad Autónoma de Madrid. Seit 2004 Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Elfriede-Jelinek-Forschungszentrums, Mitarbeit an mehreren wissenschaftlichen Publikationen über die Autorin. Seit Oktober 2008 Assistenz am Institut für Germanistik. Teilnahmen an den vom Wiener Café Stein veranstalteten Poetry Slams, 2004 an der Endrunde des 12. open mike. 2007 Preisträger des Literaturwettbewerbes Wort am Zug. Seit 2004 literarische Publikationen.

*

Der Protagonist in Stephan Eibel Erzbergs Sofort verhaften! wird in Rom verhaftet und einige Stunden in einer Polizeistation festgehalten. Er begegnet zwei Tage später zufällig seiner Jugendliebe Gabi, die mittlerweile verheiratet und auf Rom-Besuch ist. Ein Todesfall ruft Magnus Amen schließlich in seine Geburtsstadt Erzberg zurück. Das ist der kleine konventionelle Kern der Handlung, der große Rest ist mit einer Fülle an aberwitzigen Einfällen gefüllt, von einer Weltverschwörung des »Rosenträgerordens«, dem Magnus Amen angehört, bis zu einer am Eisenerzer Friedhof veranstalteten absurden Jagd für den »Generaldirektor der Vereinigten Bauernbanken«. (Die Presse 17.10.08, Wolfgang Straub).

Stephan Eibel Erzberg, *1953 in Eisenerz/Stmk., lebt in Wien. Kaufmännische Lehre, Studium der Soziologie, Pädagogik und Philosophie. Lyrik- und Prosaautor, Arbeit in Theater- und Schreibwerkstätten, zahlreiche Theaterstücke, Hörspiele und Filmdrehbücher. Publikationen: Die geplante Krankheit. Roman (1985); Lehr-haft. Arbeitsbericht eines Schriftstellers (1985); Fenster Helmut, Roman (1991); Schwester. Ein Mikro-Drama (1991); In Österreich weltbekannt. Roman (1992); problem numero 6. tagespoetische aktion. Briefaktion (1992); Beobachtungen über Personen in psychologischer Hinsicht. Erzählung, Hörspiel, Theaterstück (1994); In Dreiteufelsnamen. Drei Theaterstücke (mit Viktor Wiege -1994); Luxusgedichte (1995); Tschechow. 77 mal 7 Zeilen plus ein Gedicht (1998); Bei den Fischers. Bei den anderen Fischers (2000); Gedichte zum Nachbeten (2007); Sofort verhaften! Romanzo anarchico (2008).

16.4. Wenn die sorgfältig geplante Abschiedschoreographie eines Pärchens am Bahnhof in Unordnung gerät, weil der Zug auf sich warten lässt – wenn ein Abzeichen am Jackett einer Toten die Frau in der Wäscherei in Verwirrung stürzt – oder wenn die Wirklichkeit ihre Masken ablegt und beginnt, ihren eigenen Gesetzen zu folgen: Dann sind wir in der Welt von Lydia Mischkulnig angekommen.

In ihrem neuen Erzählband Macht euch keine Sorgen. Neun Heimsuchungen schreibt sich die Autorin ohne Respekt und Zurückhaltung… in die Realität hinein, mit unbestechlichem Blick für die Momente, in denen das Alltägliche ins Absurde kippt, in denen doppelte Böden einbrechen und kein Sicherheitsnetz mehr Halt gibt. (Haymon Verlag)


Lydia Mischkulnig, *1963 in Klagenfurt, lebt in Wien. Studium an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz und Wien und ab 1985 auch an der Filmakademie Wien. Literarisch tätig seit 1991. 2007 Gründung von „tinternational textunternehmen“ mit Sabine Scholl. 2008 Gastprofessur in Nagoya. Preise (Auswahl): 1996 Bertelsmann-Literaturpreis des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, 2002 manuskripte-Preis, 2007 Elias Canetti Stipendium. Bücher: Halbes Leben. Roman (1994); Hollywood im Winter. Roman (1996); Sieben Versuchungen. Erzählungen (1998); Umarmung. Roman (2002); Die Böhmische Bibel (gemeinsam mit Sabine Scholl – 2008); Macht euch keine Sorgen. Neun Heimsuchungen (2009). www.lydiamischkulnig.net


*

Eugenie Kain verleiht nicht den Lauten und Schrillen eine Stimme, sondern den Leisen, kaum Wahrnehmbaren. Denen, die an den Rand gedrängt oder in sich gefangen sind, denen niemand zuhört. Doch wir hören sie durch die Autorin und werden wundersam berührt. Sie setzt ihre Figuren nicht ins grelle Rampenlicht, sie belässt sie in dem Dunkel, wenn es ihr Zuhause ist, und geht mit ihnen auf Reisen, wenn das ihr Ziel ist.
Klar und mit dem Gespür für das Wesentliche entfalten sich diese Geschichten, indem sie von Glück und Elend, Hoffnung und Trostlosigkeit erzählen. Ihre Figuren leben in Würde und wirken doch immer wieder tragisch-komisch.

Das Verdienst der Autorin liegt zweifellos darin, dass sie die Bandbreite menschlicher Reaktionsweisen auf existenzielle Veränderungen darzustellen und innerhalb einer Erzählung miteinander zu konfrontieren imstande ist - mit einer Genauigkeit der Beobachtung und des sprachlichen Ausdrucks, die ihre Miniaturen zu Stifter'scher Größe anwachsen lässt.

(Nicole Streitler in Falter 41/ 2004)

Eugenie Kain, *1960 in Linz. Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft in Wien. Autorin, Kulturjournalistin und Beraterin im Sozialbereich. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien sowie im Österreichischen Rundfunk. Lebt und arbeitet in Linz. Bisher erschienen: Sehnsucht nach Tamanrasset. Erzählungen (1999); Atemnot. Roman (2001); Man musste sich die Zeit nehmen, genauer hinzuschauen. Franz Kain und der Roman «Auf dem Taubenmarkt» (2002); Hohe Wasser. Erzählungen (2004); Flüsterlieder. Erzählung (2006); Der Schneckenkönig. Erzählungen (2009).


*

In Clemens Bergers Erzählband Und hieb ihm das rechte Ohr ab begegnen wir Figuren, die von ihren Leidenschaften und Passionen heimgesucht werden. Die Titelgeschichte erzählt von Alfred, der in einer Laienaufführung der Passionsspiele den Judas spielen soll. Ohne es zu wollen wird er von der Figur, in die er schlüpft, völlig absorbiert. In der Erzählung »Schwere Geburt« geht es um eine Künstlerin, die sich aufs Land zurückgezogen hat, weil ihr die zeitgenössische Kunst auf einmal inhaltsleer vorkam und sie im Stil der Alten Meister in Altarbildern Relevantes für die Gegenwart malen will.

Eine andere Erzählung handelt von der Liebe zu einer französischen Philosophin in Rom, die bald nur noch per Brief, E-Mail oder Traum erreichbar ist.

Literatur, der man das jugendliche Alter des Machers […] nicht anmerkt, die für eine breite Leserschicht geeignet ist und hoffentlich auch viele LeserInnen erreicht. (Markus Köhle)


Clemens Berger, *1979 in Güssing, lebt in Wien und Südburgenland. Studium der Philosophie und Publizistik in Wien. Prosa, Lyrik, Essays. Preise (Auswahl): 1999 Second Poetry Slam Vienna; 2000 BEWAG-Lyrikpreis, 2005/06 Österreichisches Staatsstipendium für Literatur. Veröffentlichungen: Der gehängte Mönch. Erzählungen (2003); Paul Beers Beweis. Roman (2006); Die Wettesser. Roman (2007); Und hieb ihm das rechte Ohr ab. Erzählungen (2009).


20.4. Im Rahmen von Julian Schuttings Autorenprojekt Unter Fixsternen der Dichtung im Juli 2008 war bereits eine Probe von Friederike Mayröckers Hölderlin-Auseinandersetzung zu hören.

Letztlich ist zwischen Januar und September 2008 ein Zyklus von 40 Gedichten entstanden, in denen Friederike Mayröcker dem hymnischen Ton und den freien Rhythmen Friedrich Hölderlins antwortet.

Von 1807 bis zu seinem Tod 1843 fristet Friederich Hölderlin sein Leben in einer Turmstube oberhalb des Neckars in Tübingen. Dort schreibt er, Hölderlin aber nennt er sich nicht mehr, sondern unterzeichnet seine Gedichte »Mit Unterthänigkeit / Scardanelli«.

Meist genügt Mayröcker ein einzelnes Wort, manchmal ein Teil einer Verszeile, um die Sehnsucht zu beflügeln »ich möchte / leben Hand in Hand mit Scardanelli«, oder seine Gestalt zu imaginieren »wo junge Blättchen wo verborgene Veilchen schwärmten« als »1 schöner / Wanderer mit Alpenhut und einer Blume in seiner / Hand«.

Friederike Mayröcker, *1924 in Wien. Ab 1946 Englischlehrerin an Wiener Hauptschulen, seit 1969 beurlaubt. Lebt als freie Schriftstellerin in Wien. 1946 erste Veröffentlichung in der Wiener Zeitschrift Plan. Seit 1954 Freundschaft und Zusammenarbeit mit Ernst Jandl. 1967 bis 1971 vorwiegend Arbeit an Hörspielen, daneben Bücher mit szenischer Prosa, in den 70er Jahren längere und kürzere Prosa, in den 80er Jahren umfangreiche Prosabücher und Gedichtbände. 1970/71 Gast des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) in Westberlin, 1972 (zus. mit E. Jandl) Vortragsreise durch die USA im Auftrag des BMfUK. Gründungsmitglied der „Grazer Autoren­versammlung“. – Preise und Auszeichnungen (Auswahl): 1963 Förderungspreis für Literatur des Theodor-Körner-Stiftungsfonds zur Förderung von Wissenschaft und Kunst; 1964 Ludwig-von-Ficker-Gedächtnis­preis; 1968 Hörspielpreis des Bundes der Kriegsblinden Deutschlands, Bonn (gemeinsam mit Ernst Jandl); 1973 Würdigungspreis des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für Literatur; 1976 Preis der Stadt Wien; 1977 Georg-Trakl-Preis für Lyrik des Landes Salzburg; 1981 Anton-Wildgans-Preis der Österreichischen Industrie für Literatur; 1982 Großer Österreichischer Staatspreis des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für Literatur; 1982 Roswitha-von-Gandersheim-Preis Bad Gandersheim; 1985 Preis des Südwestfunk-Literaturmagazins; 1985 Ehrenmedaille der Bundes­hauptstadt Wien; 1985 Literaturpreis des Südwestfunks Baden-Baden; 1987 Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst; 1989 Hans Erich Nossack-Preis der Deutschen Industrie; 1993 „Manuskripte“-Preis für das Forum Stadtpark des Landes Steiermark; 1993 Friedrich-Hölderlin-Preis; 1996 Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Künste; 1996 Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis; 1997 13. Meersburger Drostepreis; 2001 Georg-Büchner-Preis; 2001 Karl-Sczuka-Hörspielpreis, 2003 Premio Internazionale, 2004 Ehrenring der Stadt Wien. – Bücher (Auswahl): Larifari, Ein konfuses Buch, Kurzprosa (1956); Texte, Gedichte (1966); Tod durch Musen, Poetische Texte, Gedichte (1966); Minimonsters Traumlexikon, Texte in Prosa (1968); Fantom Fan, Prosa (1971); Sinclair Sofokles der Baby-Saurier, Kinderbuch (1971); Fünf Mann Menschen, Hörspiele (mit Ernst Jandl, 1971); Arie auf tönernen Füszen, Metaphysisches Theater (1972); je ein umwölkter gipfel, Erzählung (1973); Heisze Hunde (mit Ernst Jandl, 1977); Heiligenanstalt (1978); Ausgewählte Gedichte 1944-1978 (1979); Die Abschiede, Prosa (1980); Bocca della Verità, Hörspiel (1981); Ich, der Rabe und der Mond, Kinderbuch (1981); Gute Nacht, guten Morgen, Gedichte 1978-1981 (1982); Magische Blätter, Kurzprosa (1983); Reise durch die Nacht, Prosa (1984); Das Herzzerreißende der Dinge (1985); Magische Blätter II (1986); Winterglück, Gedichte 1981-1985 (1986); Der Donner des Stillhaltens / Larven Schemen Phantome (mit Bodo Hell,1986); mein Herz mein Zimmer mein Name (1988); Gesammelte Prosa 1949-1975 (1989); UMBRA, DER SCHATTEN, Das ungewisse Garten-Werk, Prosa zu Arbeiten von Linde Waber (1989); Magische Blätter III (1991); ABC-thriller (1968) Kinderbuch (1992); Das besessene Alter, Gedichte 1986-1991 (1992); Veritas, Lyrik und Prosa 1950-1992 (1993); Lection (1994); Magische Blätter IV (1995); Notizen auf einem Kamel, Gedichte 1991-1996 (1996); das zu Sehende, das zu Hörende (1997); brütt oder Die seufzenden Gärten, (1998); Benachbarte Metalle, Ausgewählte Gedichte (1998); blättersitten (mit Manfred Gruber, 1999); Gesammelte Prosa, 5 Bände (2001); Requiem für Ernst Jandl (2001); Magische Blätter I-V (2001); Mein Arbeitstirol, Gedichte (2003); Gesammelte Gedichte. 1939 - 2003. (2004); Und ich schüttelte einen Liebling (2005); Magische Blätter VI (2007); Paloma. Prosa (2008).


21.4. Marcel Beyer entwirft in seinem Roman ein Panorama deutscher Geschichte von den dreißiger Jahren bis in die Gegenwart. Wie in »Flughunde« verwebt er persönliches Lebenszeugnis und zeitgeschichtliche Perspektiven im Deutschland des 20. Jahrhunderts.

Ludwig Kaltenburg, geboren 1903, Biologe, arbeitet Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts in Posen. Dort begegnet er zum ersten Mal dem Ich-Erzähler, dem späteren Ornithologen Hermann Funk, zu diesem Zeitpunkt noch ein Kind. Die Familie des Erzählers flüchtet nach Dresden, die Eltern verlieren bei der Bombardierung im Februar 1945 ihr Leben, der Sohn überlebt, Kaltenburg wird ihm Ersatzvater. Der kann in der neu gegründeten DDR ein eigenes Institut gründen und sich internationales Renommee erwerben. Nach dem Mauerbau verschwindet Kaltenburg aus der DDR.

Marcel Beyer, *1965 in Tailfingen/Württemberg, wuchs in Kiel und Neuss auf. Er studierte von 1987 bis 1991 Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen; 1992 Magister artium mit einer  Arbeit über Friederike Mayröcker. Mitherausgeber der Reihe Vergessene Autoren der Moderne; 1990 bis 1993 Lektor der Literaturzeitschrift Konzepte; 1992 bis 1998 Mitarbeit an der Musikzeitschrift Spex. Er lebt seit 1997 in Dresden. Mit mehreren Preisen bedacht, zuletzt Joseph-Breitbach-Preis 2008.

Veröffentlichungen: Walkmännin. Gedichte (1990); Das Menschenfleisch. Roman (1991); Friederike Mayröcker: eine Bibliographie 1946 - 1990 (1992); 1994 Brauwolke. Gedichte (1994); Flughunde. Roman (1995); Falsches Futter. Gedichte (1997); Spione. Roman (2000); Erdkunde. Gedichte (2002); Nonfiction. Essays (2003); Vergeßt mich. Erzählung (2006); Kaltenburg. Roman (2008); Arbeit Nahrung Wohnung. Bühnenmusik für vierzehn Herren. Opernlibretto (Komposition Enno Poppe; 2008). Im Juni 2002 hielt Marcel Beyer eine Vorlesungsreihe in der Alten Schmiede zum Thema Geschichte, Zeitgeschichte und Literarische Form, die Eingang in den Essayband Nonfiction gefunden hat.


23.4. Nach 16jähriger Entzifferungsarbeit ist es Bernhard Echte und Werner Morlang gelungen, in einer sechsbändigen Ausgabe des Suhrkamp-Verlags Robert Walsers „Bleistiftgebiet“ zu erschließen, das bis dahin dem Verschwinden gänzlich verschrieben schien. Aus dem Erstaunen über den entwaffnenden Gestus dieses Schreibens ist der Impuls entstanden, Autorinnen und Autoren einzuladen, sich mit dem Gepäck ihrer (Schreib-)Erfahrung in das so fremdvertraute, räuberische Gebiet dieser Texte zu begeben. Obwohl sich Robert Walser angesichts der zerstörerischen politischen Entwicklungen der 30er Jahre bis in die millimeterkleine Handschrift seiner Mikrogramme zurückzog, dringt gerade in der scheinbaren Rückzugsbewegung die drängende Gegenwärtigkeit seines Schreibens am intensivsten hervor.

Räuberische Poetik, Spuren zu Robert Walser versammelt Arbeiten von 18 Autorinnen und Autoren, die sich lesend und schreibend mit Walser auseinandersetzen: sei es in Form eines brieflichen Eingeständnisses der eigenen Sprachlosigkeit oder in Form von Essays, Prosastücklis, Gedichten, Collagen. Die Vielfalt der Zugänge spiegelt die Vielfalt der Gesten und Sprechweisen wider, die das genauso heiter-freche wie abgründig-philosophische Werk Robert Walsers entfaltet und das jede Generation aufs Neue dazu auffordert, ihren Walser zu lesen, ihn in ihrem Schreiben und Denken heute wiederzuentdecken.

Mit Originalbeiträgen und teils veröffentlichten Gedichten von: Marcel Beyer, Elfriede Gerstl, Helmut Neundlinger und Ferdinand Schmatz – und Prosa bzw. essayistischer Prosa von Jürg Amann, Elfriede Czurda, Hans-Jost Frey, Christian Futscher, Werner Garstenauer, Sabine Gruber, Michael Hammerschmid, Händl Klaus, Bodo Hell, Elfriede Jelinek, Richard Reichensperger, Ferdinand Schmatz, Dominik Steiger, Andrea Winkler, Wolf Wondratschek... und einer „Räuber“-Geschichte von Robert Walser aus dem Jahre 1921(mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp-Verlages)

Michael Hammerschmid, *1972 in Salzburg, Schriftsteller und Literaturwissenschafter, lebt in Wien. Lehrbeauftragter der Universität Wien. Essays zur Literatur und Kunst, Hörspiele, Kurzprosa, Lieder und Gedichte. Veröffentlichungen: Skeptische Poetik in der Aufklärung Formen des Widerstreits bei Johann Karl Wezel (2002). Hörspiele: Die Stimme (2001); Candide und Belphegor (2001); Die Kapsel (2002); Weißer Mund (2003 – alle ORF, Ö1). Veröffentlichungen von Lyrik und Prosa in verschiedenen Literaturzeitschriften und Anthologien. Übersetzung (mit Theresia Prammer, Mirko Bonné): Gherasim Luca, Das Körperecho/ Lapsus linguae (2004); von einen sprachen. Poetologische Untersuchungen zum Werk Ernst Jandls (mit Helmut Neundlinger, 2008).

Sabine Gruber, *1963 in Meran, lebt in Wien. Studium der Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft. Gedichte, Erzählungen, Hörspiele, Theaterstücke, Essays. Zuletzt erschienen: Die Zumutung. Roman (2003); Über Nacht. Roman (2007).

Dominik Steiger, *1940 in Wien, lebt in Wien. „Nach abgebrochenem Studium Fremdenlegion, vorzeitige Ausmusterung via Psychiatrie, Bohemerei in Frankreich, Indienfahrt, Bekanntschaft mit den Dichtern der Wiener Gruppe, Zusammenarbeit mit Attersee, Brus, Nitsch, Roth, Rühm, Wiener, diverse bildnerische Arbeiten, internationale Ausstellungen, Schallplatten, Audiokassetten mit Liedern, Letterfallvideos, Druckgraphik, Kleinplastik, Hervormanns etc.“ Zuletzt erschienen: ABRA PALAVRA. Prosa (2004); Mon dieu es geistert. Prosa (2007).


27.4. Das „Schreibheft“ ist 1977 aus einer Schreibwerkstatt der Essener Volkshochschule hervorgegangen und wird seit 1982 von Norbert Wehr herausgegeben. Es gilt als eine der führenden Literaturzeitschriften im deutschsprachigen Raum und wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Im Jahr 1998 erschien ein fünfbändiger Reprint im Verlag Zweitausendeins.

Das von Norbert Wehr entwickelte redaktionelle Konzept der Zeitschrift besteht darin, einen Gegenstand – sei es ein Autor, ein Buch, eine literarische Gruppe, sei es die Literatur einer Sprache – in Schwerpunkt-Dossiers zu facettieren und möglichst viele O-Töne literarischer, biographischer, übersetzerischer oder wissenschaftlicher Auseinandersetzung zu versammeln.

Keine Potpourries sollen so entstehen, keine Additionen guter und wichtiger Texte – Anspruch ist vielmehr, ein Gespräch zwischen Schriftstellern, ihren Büchern und Konzepten zu inszenieren sowie geistesverwandtschaftliche Echo-Räume und kommunizierende Röhrensysteme herzustellen.

Mit diesem Anspruch hat das Schreibheft avancierte Literaturkonzepte in internationalen Literaturen aufzuspüren versucht, das heißt: es hat ausgedehnte Streifzüge durch die Literaturen Frankreichs, US-Amerikas und der ehemaligen Sowjetunion unternommen, hat Dossiers zu einzelnen Autoren zusammengestellt, Louis-Ferdinand Céline zum Beispiel, oder Malcolm Lowry, Hubert Fichte, Danilo Kiš, James Hamilton Paterson, William H. Gass, Richard Powers, Mário de Sá-Carneiro, Louis Zukofsky, Helmut Heißenbüttel, Ezra Pound, hat sich früh für die Literaturen kleiner Länder interessiert (der niederländischen, belgischen, dänischen, norwegischen, der polnischen und kroatischen beispielsweise) und hat immer wieder an Autoren erinnert, die an der Schwelle der Moderne standen und wegweisend waren für heute schreibende Schriftsteller.

Das aktuelle, im Herbst 2008 erschienene Heft widmet sich, mitherausgegeben von Peter Handke, der Literatur aus Serbien. Darin enthalten sind u.a. Beiträge von Milovan Danojlić, Dragan Aleksić, Aleksandar Tišma, Miodrag Pavlović, Brankica Bečejac, Danilo Kiš, Borislav Pekić und Bora Cosić. Dem Serbien-Scherpunkt vorangestellt sind Erzählungen der Prager Schriftstellerin und Redakteurin Magdalená Platzová.

Magdaléna Platzová, *1972 in Prag, Philosophiestudium an der Karlsuniversität, danach Schauspielerin, Journalistin, Übersetzerin. 2001-2004 Literaturredakteurin bei Literární noviny, nunmehr Redakteurin der Zeitschrift Respekt. Erste Buchveröffentlichung 2003: Sůl, ovce a kamení; Návrat přítelkyně (2004); Aarnoův skok (2006).

Anselm Glück, *1950 in Linz, lebt in Wien. Seit 1978 freiberuflicher Schriftsteller, Maler und Grafiker. Literarische Veröffentlichungen teils mit eigenen Zeichnungen, Kunst-Performances, Kunstausstellungen. Publikationen: stumm (1977); falschwissers totenreden(t) (1981); ohne titel (1984); meine arme sind herz genug (1985); die eingeborenen sind ausgestorben (1987); ich muß immer daran denken (geschichte) (1988); die augen sehen der reihe nach (1989); wir sind ein lebendes beispiel (1992); melken bis blut kommt (1993); ich meine was ich tu (1993); mit der erde fliegen (1994); die letzte jahreszeit (heft 1) (1995); die letzte jahreszeit (heft 2) (1996); eiserne mimosen. Theaterstück (1996); toter winkel. blinder fleck (1996); ich kann mich nur an jetzt erinnern. denkschrift zur bevorstehenden jahrtausendwende. (sie werden sehen) (1998); mehr gegenwart, mehr bilder (1999); unikatedition (1999); inland. (augen lügen, spiegel nicht). Theaterstück (2000); innerhalb des gefrierpunktes. theater (2003), rastlose lethargie. (dem leben liegt es, immer wieder in gefängnisse zu entkommen) (2005); Die Maske hinter dem Gesicht. Roman (2007).

Norbert Wehr, *1956 in Aachen, lebt in Essen und Köln. Herausgeber des Schreibheft. Zeitschrift für Literatur, Literaturkritiker, Hörfunkautor. Preise (Auswahl): 1994 Hermann Hesse-Preis, 1994 Alfred Kerr-Preis, 2001 Förderpreis zum Kurt Wolff-Preis. Buchveröffentlichungen, u.a. (Hg.) Herman Melville - Hunilla, die Chola-Witwe (1993); Herman Melville – Moby Dick oder: Der Wal (Hg. 2004).


30.4. Wie kann der sprachlichen Verweigerung der Kriegsgeneration begegnet werden – und wie dem Versäumnis der Enkelgeneration, zu fragen: Wie war dir da? Denn es mangelt nicht an Fakten, doch fehlen die Empfindungen und Gedanken, die in der Familie weitergereichten

Erzählungen des Bruchs, den die Beteiligung an der industriellen Vernichtung von Menschen den eigenen Familienmitgliedern verursacht haben muss.

Anja Utlers jana, vermacht nähert sich dieser längst verhärteten und erkalteten Lücke in einem von der Dringlichkeit der Rede getriebenen poetischen Monolog. Zweigesichtig spricht er auf der einen Seite der verstorbenen Großmutter nach – also der traditionell Wissen vermachenden

Generation –, folgt deren Rede in ihrem Ein und Abbrechen.

Auf der anderen Seite findet sich die jetzige, in ewiger Gegenwart gefangene Stimme.

Durch das gewaltsame Durchtrennen der Vergangenheiten aus den zeitlichen Verknüpfungen gefallen, endet sie ratlos in sich und ihrem Denken. Die Sprecherin hat zwar ihre Chance direkt zu fragen endgültig verpasst. Aber die Deformation der Sprache, die Gravitationsstrudel

der Lücke, kann sie im Kreisen um durchlöcherte Anwesenheit noch ins Licht bringen.

Selbst die Denker der Quantenmechanik hätten nicht vermuten wollen, dass sich Sprache

in ihre Spektralfarben auflösen lässt. Diese Beweisführung ist Anja Utler mit großer Meisterschaft gelungen. Drum bergen ihre Texte auch keine Experimente, oder Versuchsanordnungen, sondern lassen die Evolution des Wortes aufleben, die Evaluation und Entwicklung dessen, was wir uns tagtäglich vor und für uns hin sprechen.“ (Uwe Dethier)

Utlers molekularisierter SprachKosmos zeigt sich nicht nur im geschriebenen Wort, in der Komposition dieser Texte auf der beigelegten CD wird die gewaltige Versehrtheit der „vermachten“ Worte auch hörbar.

Anja Utler, *1973 in Schwandorf, lebt in Wien. Studium der Slawistik, Anglistik und Sprecherziehung. Leonce-und-Lena-Preis für Lyrik 2003. In der Edition Korrespondenzen erschienen münden – entzüngeln (2004) und brinnen (2006), eine gleichnamige CD bei merz&solitude.


(redaktionelle Mitarbeit: Mag. Lea Halbwidl, Mag. Petra Meßner)