15.2. Montag 19.00 LQ
 | Kampf um die Stadt – Politik, Kunst und Alltag um 1930 (Ausstellung des Wien Museums im Künstlerhaus – 19.11.2009 – 31.3.2010) ALFONS-PETZOLD-Dialog zwischen Texten und Bildern (literarisches Begleitprogramm der Alten Schmiede zur Ausstellung) LUDWIG ROMAN FLEISCHER (Schriftsteller) portraitiert Alfons Petzold und sein Werk • WOLFGANG ZEINDL (Maler) zeigt Arbeiten aus seinem Gemäldezyklus: Das rauhe Leben – Petzold-Bilder • PETER ROSEI (Schriftsteller) liest ausgewählte Passagen aus Alfons Petzolds Erzählung Der Franzl (1920) und dem Roman Das rauhe Leben, in Korrespondenz zu Wolfgang Zeindls Bildern • BERTHOLD ECKER (Kunsthistoriker, Kulturabteilung der Stadt Wien) kommentiert den Gemäldezyklus Wolfgang Zeindls |
Begleitend zur Ausstellung Kampf um die Stadt – Politik, Kunst und Alltag um 1930 des Wien Museums im Künstlerhaus (19.11.2009 bis 28.3.2010) bietet die Alte Schmiede ein begleitendes Literaturprogramm in Form von vier Wien-Dialogen im Januar, Februar und März an. Es ist nicht möglich, das Leben in einer Stadt zu einem bestimmten Zeitpunkt als einheitliches Gesamtbild darzustellen, da zu viele unterschiedliche, von einander weitgehend unabhängige oder auch mit einander verzahnte und widerstreitende Bestrebungen und Entwicklungen im Gang sind, die der allgemeinen Stadt-Öffentlichkeit einmal bewusst, einmal aber nur kleinen Gruppen bekannt sind. Das soziale Elend in Wien, seine Ursachen und seine gesellschafts-politische Bekämpfung, spielt seit Beginn des 20. Jahrhunderts für das Wiener Stadtleben eine prägende Rolle. Der Gelegenheitsarbeiter und Schriftsteller Alfons Petzold (15.2.) hat es aus eigenem Erleiden beschreiben können, Karl Kraus hat die sprachliche Kodierung dieser Ursachen mit scharfem Sprachwitz bloßgestellt und war damit ein Gesellschaftskritiker, der verstanden hatte, dass Worte Werkzeuge des Denkens und Begriffe Knotenpunkte der Erkenntnis sind. Die Schriftstellerinnen Veza Canetti und Mela Hartwig (22.2.) haben literarisch auf völlig unterschiedliche Weise die Konflikte von Unterdrückung, Unterwerfung und Emanzipation, besonders der Frauen, in ihren Werken zur Darstellung gebracht. Zwischen erhitztem Expressionismus und kühler Methodik bewegen sich die Werke mehrerer in Wien wirkender (Sprach)Künstlerinnen und –künstler. Ferdinand Schmatz (Dichter und Literaturwissenschafter) und Thomas Eder (Literaturwissenschafter) führen ein Gespräch (15.3.) zur vergessenen Avantgarde in Wien um 1930 (Albert Ehrenstein, Lajos Kassák, Erika Giovanna Klien, László Moholy-Nagy, Heinrich Nowak, Leopold Wolfgang Rochowanski und andere).
Alfons Petzold, geboren am 24. September 1882 in Wien, war ein Arbeiter auf Anfrage und ein notwendigerweise flexibler Dichter. Er arbeitete auf Taglöhnerbasis, um nicht zu verrecken. Er schrieb, um sich zu seinem Verliererlos zu verhalten, sich von ihm Kraft der Fantasie zu distanzieren. Ein schwer lungenkranker Metallschleifer, Bauhilfsarbeiter, Fabrikarbeiter, Laufbursche, Kellner, Fensterputzer, ruinierte er sich die angeschlagene Gesundheit weiter, bis zum bitteren Ende. Eine Bettgeher-Existenz, die jene fünf Heller, die das Recht auf einmalige Übernachtung in der Bruchbude einer Arbeiterfamilie kostete, oft einsparen musste, um sich einen Laib Brot kaufen zu können. Brot oder Nachtlager: das bedeutete entweder halbwegs satt auf einer Parkbank schlafen oder mit knurrendem Magen in einem Bett. Das hieß: Um fünf Uhr früh auf den Taglöhnerstrich gehen und hoffen, unter Hunderten Berufenen einer der wenigen Auserwählten zu werden. Und für Alfons Petzold hieß es zudem: Im letzten Licht eines grauenhaften Tages auf einer Parkbank, in einer Wärmestube oder doch auf dem 5-Heller-Strohsack gegen das Verliererlos anzuschreiben. Ohne die Hilfe der sozialistischen Arbeitervereine wäre das nicht möglich gewesen und man wäre widerstandslos vor die Hunde gegangen. Alfons Petzold hat sich aus der Wehrlosigkeit herausgeschrieben, in kristallklarer, oft schneidend scharfer Prosa, in Gedichten, Skizzen und Romanen. Am 26. Jänner 1923 starb er – 41-jährig – in Kitzbühel an seinem schweren Lungenleiden. (Ludwig Roman Fleischer) Petzolds wichtigste Werke: Trotz alledem. Gedichte (1910); Memoiren eines Auges. Skizzen (1911); Seltsame Musik. Gedichte (1911); Das ewige und die Stunde. Gedichte (1912); Erde. Roman (1913); Krieg. Gedichte (1914); Der stählerne Schrei. Gedichte (1916); Der feurige Weg. Roman (1918); Das rauhe Leben. Autobiographie (1920); Sevarinde. Roman (1923).
Ludwig Roman Fleischer, *1952 in Wien. Studium der Anglistik und der Philosophie, seit 1977 Lehrer an einer Mittelschule. Verleger. Zahlreiche literarische Veröffentlichungen seit 1986, zuletzt Zurück zur Schule. Roman (2006); Die Enterbung. Roman (2007); Die Behinderung. Roman (2008); Das Buch der Käuze. Erzählungen (2009). Ich mit den müden Füßen. Petzold-Lesebuch (Hg. Ludwig Roman Fleischer, Sisyphus Verlag 2002)
Wolfgang Zeindl, *1965 in Salzburg, aufgewachsen in Straßwalchen. Er lebt seit 1986 freischaffend in Wien, als Künstler ist er Autodidakt. Seit 1994 zehn Einzelausstellungen, u.a. in Salzburg (Galerie Altnöder), Wien (Keine Galerie, Literaturhaus, Galerie wechselstrom), mehrfach zu literarischen Motiven (Bernhard-Variationen, zu Peter Roseis Reise ohne Ende, zu Stefan Alfares Das Schafferhaus, zu H.P. Lovecraft). Armut, Ausbeutung, Kindesmisshandlung, Hunger ... Orgien sozialer Not: So die Themen des neuen Bilderzyklus von Wolfgang Zeindl, der zu Texten von Alfons Petzold entstanden ist. Zeindl befasst sich in seinen expressiven und farbigen Bildern eingehend mit Literatur und eigenen Bildwelten, die oft auch von Wortspielen inspiriert sind. (Galerie Altnöder)
Berthold Ecker, *1961 in Linz; Studium der Kunstgeschichte und Völkerkunde an der Universität Wien. Ab 1991 im Referat Bildende Kunst der Kulturabteilung der Stadt Wien, Betreuung und Neuorganisation der Sammlung moderner Kunst. 1998 Gründung des „Museums auf Abruf“. Ab 2003 Leiter des Referats Bildende Kunst der Kulturabteilung der Stadt Wien.
Peter Rosei, *1946 in Wien, Studium der Rechte in Wien (Dr. jur.), seit 1972 freier Schriftsteller, lebt in Wien. Verfasser von Romanen, Hörspielen, Essays, Übersetzungen, Gedichtbänden, Theaterstücken. Zuletzt erschienen: Wien Metropolis. Roman (2005); Die sog. Unsterblichkeit. Kleine Schriften (2006); Österreichs Größe, Österreichs Stolz. Ideentheater (2008); Das große Töten. Roman (2009). | |