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19.2. Freitag
19.00
LQ
Dreifach Existenzfragen aufgeworfen in drei Sprachen auf dreierlei poetische Weise – kleine mitteleuropäische Gedichtkonferenz mit
MARUŠA KRESE (Slowenien) zweisprachige Lesung aus DANES NE / HEUTE NICHT. Pesmi / Gedichte (Übersetzt von Fabjan Hafner, Drava Verlag) • Einleitung: KURT NEUMANN TATÁR SÁNDOR (Ungarn) zweisprachige Lesung aus A VÉGESSÉG KESERNYÉS V…/ ENDLICHKEIT MIT BITTREM TROST. Gedichte (pernobilis edition) • Einleitung: FERDINAND SCHMATZ NORA GOMRINGER (Schweiz/ Deutschland) Lesung und Textperformance, u.a. aus SAG DOCH MAL WAS ZUR NACHT und KLIMAFORSCHUNG (Gedichtbände mit CD, Voland & Quist) • Einleitung: MIEZE MEDUSA
Existentielle Fragen und Konstellationen beschäftigen die poetischen Arbeiten der drei Dichtergäste dieses Abends: Maruša Kreses neue Gedichtsammlung Heute nicht / Danes ne schließt an ihren ersten Gedichtband Danes (1989) und Gestern, heute, morgen (1992) an. Einmal erzählend, ein anderes Mal Innenschau haltend, dann beobachtend oder erinnernd sprechen die Gedichte von grundlegenden Spannungszuständen des Lebens, die sich zwischen Vergeblichkeit und Schuld, Verwüstungen des Krieges und der Häme der Gescheiterten, zwischen den Hoffnungen, der Sehnsucht und dem Liebesvermögen, die der einzelne Mensch jenen kollektiven Destruktionen entgegensetzen kann, auftun. In poetischen Momentaufnahmen artikuliert sich eine grundlegende Unbehaustheit, der sich das poetische Ich letztlich mit Gelassenheit, feiner Ironie und sprachlichem Formenspiel zu stellen bereit ist.
»Die Lyrik der slowenischen Dichterin Maruša Krese ist liedhaft. Sie spricht von Mutterschaft und Krieg, von Alltag und Vergeblichkeit, von Heimatverlust und Kindern. Sie kennt den Litaneienton und das Lamento, trockenen Humor und weise Gelassenheit. Sie singt, auch wenn sie weint, sie verwandelt Not in murmelnden Klang. Als hörten wir uralte Weisen, die sich als heutig-frisch entpuppen. (Ilma Rakusa)

Maruša Krese
, *1947 in Ljubljana; Studium der Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Ljubljana, in den USA Ausbildung in Psychodrama und Gestalttherapie; Arbeit als Gruppenpsychotherapeutin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Ljubljana, Zusatzstudium in Utrecht, 1980-1989 Gruppentherapeutin in Tübingen; Mutter von drei Kindern. Seit 1992 freie Journalistin und Schriftstellerin in Berlin, Mitglied des PEN-Zentrum Deutschlands. 1996 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland als Würdigung des humanitären und kulturellen Engagements während des Krieges in Bosnien und Herzegowina. Organisation von mehrerer Initiativen für Unterstützung unabhängiger Medien und der Friedensbewegung in Ex-Jugoslawien.
Zahlreiche Radiofeatures und Hörspiele, u.a.
Some like it in Sarajevo oder Überleben, ist das alles? (1993); Der Wind geht gen Mittag und kommt herum zur Mitternacht - Briefe über die Zerstörung von Jugoslawien (Hörspiel des Monats, als Buch unter dem Titel Frauen über Nationalismus und Krieg (1994); Winterschule (Kinder in Sarajewo) (1995); Mrs. Oscar Wilde (1998); Frauenbrücke – Frauen in Wien (2002); Alle meine Kriege (2004); Gedichtbände Postaje/ Bahnhöfe (1992); Gestern, Heute, Morgen (1989); Danes/ Heute (1989); Beseda/ Das Wort (2000); Selbst das Testament ging verloren (2001); Yorkshire Tasche (2002); Danes Ne/ Heute nicht (2009). Prosa: Von der Bora verweht (1997).

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Allgemeine Fragen der Existenz, ihre Endlichkeit und ihr „Geworfensein“ bilden die Grundimpulse für die gleichsam klassizistisch-spielerischen Gedichte des ungarischen Dichters, Germanisten und Übersetzers Tatár Sándor, die einmal als Langgedichte und Hymnen, dann wieder in kürzeren gebundenen oder offenen Strophen gefasst sind. Einerseits distanzieren sie sich von der literarischen Vergangenheit und teilen damit die subversiven Positionen der zeitgenössischen ungarischen Dichtungsgrößen Dezső Tandori und Lajos Parti Nagy, andererseits führen sie den Dialog mit der literarischen Tradition weiter, u.a. mit Attila József und Dezső Kosztolányi, oder aber auch mit den von Tatár übersetzten deutschsprachigen Dichtern Lichtenberg, Goethe, Kleist, Rilke, Hofmannsthal.
Mehrere Übersetzerinnen und Übersetzer haben sich mit Tatárs wortspielreichen Gebilden befasst, eine Art Heine-Ton scheint sich dafür als tauglichste Kompromissformel herausgestellt zu haben.

Tatár Sándor, *1962 in Budapest, Studium der Germanistik, Promotion, Mitbegründer des Vereins der ungarischen literarischen Übersetzer. Bibliothekar der Bibliothek der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Törökbálint bei Budapest. Er veröffentlichte bisher fünf Gedichtbände: Végtelenül egyszerü lenne minden/Es wäre alles unendlich einfach (1990/1996 - Übertragung Paul Kárpáti); A szénszünetre eljött a nyár/Auf den Kohleferien folgte der Sommer (1999); A végesség kesernyés v… / Endlichkeit mit bittrem Trost (ungarisch-deutsch; Leipzig, 2006); Requiem. Gedichte (2006); Bejáró müvész. Gedichte (2007).
Übersetzungen aus dem Deutschen, u.a. Angelus Silesius, G. Ch. Lichtenberg, Goethe, Kleist, Rilke, Hofmannsthal, Schnitzler sowie zeitgenössische Lyrik und Prosa.


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Die Lebenserfahrungen einer neuen Generation von Dichterinnen und Dichtern artikuliert Nora Gomringer in ihren ganz auf den mündlichen Vortrag ausgerichteten Gedichten. Dabei kommen Einflüsse einer angloamerikanischen literarischen Pop-Kultur, die ja durchaus mit der alten europäischen Fastnachts-Dichtung oder dem sprachorientierten Kabarett korrespondiert, ebenso zur Geltung wie die sprachanalytischen Elemente der konkreten Dichtung, zu deren exponiertesten Vertretern der Vater der Dichterin, Eugen Gomringer, zählt. Nora Gomringers Stimmartistik macht ihre Auftritte zu besonderen Ereignissen.
Michael Braun schrieb in der Neuen Zürcher Zeitung u.a.: Eine Dichterin, die singt, psalmodiert und sich von ihrer Sprachverzückung zu rhapsodischen Versen hinreissen lässt: So etwas hat die kleine deutschsprachige Lyrik-Welt schon lange nicht mehr erlebt. Bisher waren ja die Territorien der «artifiziellen» Lyrik und der alltagsgesättigten «Spoken Word»-Dichtung durch scheinbar unüberwindbare Literaturbetriebs-Mauern getrennt. Mit der Performancekünstlerin Nora Gomringer ist nun eine sprachbesessene Poetin auf die Bühne getreten, die in beiden Welten zu Hause ist – sie vereint die Suggestivität des mündlichen Gedichtvortrags mit einem aussergewöhnlichen Sensorium für die phonetischen und semantischen Assoziationshöfe der Wörter. Gomringers dritter Gedichtband, «Klimaforschung», dem eine CD mit eindrucksvollen Rezitations-Proben beigegeben ist, untersucht nun in vier Kapiteln die diversen Mikro- und Makro-Klimas der Spezies Mensch. Der Band laboriert an einigen Stellen noch an jener bräsigen Einfachheits-Ästhetik, die in der Ära der Alltagslyrik in den siebziger Jahren kanonisiert wurde. Das betrifft vor allem einige Liebesgedichte, in denen ein melancholisches Ich von kleinen und grösseren Liebestragödien erzählt. Aufregend wird Nora Gomringers Poesie immer dann, wenn sie aus den eindimensionalen Mustern des gefühligen Bekenntnisses und der Märchen-Motivik heraustritt und in einer «polylingualen», also vielzüngigen Sprache spricht.

Nora Gomringer, *1980 in Neunkirchen/ Saar; 1982 Umzug nach Wurlitz bei Rehau in der Oberpfalz. Landkind-Leben bis 1995, Schulabschluss in Bamberg. Praktikum an der Academy of Motion Picture Arts and Scienes in Los Angeles. Studium der Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte, seit 1996 arbeit sie als Rezitatorin. Seit 2001 Organisation des Bamberger poetry slam, Publikation von Lyrik und Kleinverlegerin. Gewinnerin zahlreicher poetry slams, Gast zahlreicher internationaler Poesiefestivals. Buchpublikationen: Gedichte (Eigenverlag, 2000); Silbentrennung (Grupello, 2002); Sag doch mal was zur Nacht (mit Audio CD, Voland & Quist, 2006); Klimaforschung (mit Audio CD, Voland & Quist, 2008).