3.3. Mittwoch 20.00 Burgtheater, I., Dr. Karl L.-Ring 2
 | HERTA MÜLLER* (Berlin) liest aus ATEMSCHAUKEL (Hanser Verlag, 2009) * ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Literatur 2009 Einleitung und Gespräch mit der Autorin: Kurt Neumann und Plinio Bachmann • Eine Zusammenarbeit von Burgtheater Wien, Alte Schmiede, Wien und Carl Hanser Verlag, München Karten zu € 10,- und € 15,- an allen Bundestheaterkassen oder im Bestellbüro, Tel. 51444-4145 |
Herta Müller hat sich im Rahmen der Wiener Vorlesungen zur Literatur in der Alten Schmiede im November 1997 (dokumentiert in Wespennest 110 + 112) mit den ideellen und materiellen Rahmenbedingungen in Rumänien befasst, die für die Ausprägung ihres eigenen literarisch-poetischen Ansatzes entscheidend geworden sind. Anhand der Haltungen der Dichter Oskar Pastior und Rolf Bossert, die wie sie der deutschsprachigen Minderheit entstammen, analysierte sie die Möglichkeiten, sich der allgegenwärtigen staatlichen Suppression zu widersetzen. Sie schrieb u.a.: Surreales gibt es nicht, wo es alles zu improvisieren gilt, um von einem Schritt zum nächsten zu gelangen und um das persönlich Wichtige zu bewerkstelligen. Ein ganzes Volk ist gezwungen, in Gegenständen und Handgriffen zu fantasieren, also zu dichten. Liegt da nicht nahe, auch mit der Sprache dasselbe zu tun. Ich glaube, aus dieser Notgedrungenheit und Herausforderung kommen Oskar Pastiors Gedichte. Es ist stupid, ein Überwachungsstaat verbietet alles Fertige, um Lebenszeit zu stehlen, um Menschen mit den Gedanken auf kleinste Alltäglichkeiten zu zwingen. Das stellt still, klebt das Leben fest ans Überleben. Aber der Zwang zur Improvisation zwingt auch zum Phantasieren. Zusammen mit dem Dichterfreund Oskar Pastior und begleitet von Ernest Wichner (Dichter und Leiter des Literaturhauses Berlin) hat Herta Müller vor einigen Jahren die ehemaligen sowjetischen Lager, in denen ihre Mutter und Oskar Pastior genau so wie viele deutschsprachige Rumänen als kollektiv auferlegte Strafe von 1945 bis 1949 Zwangsarbeit verrichten mussten, aufgesucht und danach mit Pastior ein gemeinschaftliches literarisches Projekt begonnen, das eine ästhetisch akzentuierte Antwort auf jene lebensbedrohliche Leidenszeit finden und zugleich ein wahrhaftiges Zeugnis ablegen sollte. In die Ich-Stimme im nach dem plötzlichen Tod Pastiors 2006 allein fortgeführten Buch ist das authentische Zeugnis Pastiors eingebettet, sie reicht aber darüber hinaus, indem die Berichte anderer Überlebender jener Lager in ihr ebenfalls Widerhall finden. Es gibt immer noch eine Dichtung, genauer, es gibt immer noch eine Form dichterischer Empörung, der es um so große Dinge wie Recht und Gerechtigkeit, um die Gefährdung von Menschenwürde und Freiheit geht. Herta Müller beherrscht diese Form. (Michael Naumann in Die Zeit)
Herta Müller, *1953 in Nitzkydorf/Rumänien, studierte von 1972-1976 Germanistik und Romanistik an der Universität von Temeschwar. Sie arbeitete zunächst als Übersetzerin und Deutschlehrerin, wurde jedoch aufgrund ihrer Weigerung, mit der Geheimpolizei (Securitate) zusammenzuarbeiten, aus dem Schuldienst entlassen. Seit 1984 arbeitet Herta Müller als freie Schriftstellerin und hatte bis zu ihrer Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland im März 1987 Arbeits- und Publikationsverbot. Ihre einzigartige präzise und faszinierende Sprache ist Ausdruck eines reflektierten Denkens, das ihren Rang im internationalen Literaturbetrieb seit Beginn der 90er Jahre und die Übersetzung ihrer Werke in mehr als 20 Sprachen erklärt. Buchpublikationen (Auswahl): Niederungen (1982); Drückender Tango (1984); Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt. Eine Erzählung (1986); Barfüßiger Februar (1987); Reisende auf einem Bein (1989); Der Teufel sitzt im Spiegel. Wie Wahrnehmung sich selbst erfindet (1991); Der Fuchs war damals schon ein Jäger (1992); Eine warme Kartoffel ist ein warmes Bett (1992); Der Wächter nimmt seinen Kamm (1993); Herztier. Roman (1994); Hunger und Seide. Essays (1995); In der Falle. Bonner Poetikvorlesungen (1996); Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet. Roman (1997); Der Fremde Blick oder Das Leben ist ein Furz in der Laterne (1999); Im Haarknoten wohnt eine Dame. Collagen (2000); Der König verneigt sich und tötet. Vorlesungen, Essays (2003); Die blassen Herren mit den Mokkatassen (2005); Atemschaukel. Roman (2009). | |