17.3. Mittwoch 19.00 LQ
 | GRUNDBÜCHER der österreichischen Literatur seit 1945 – gemeinsame Reihe mit dem Adalbert-Stifter-Institut, Linz ELIAS CANETTI: MASSE UND MACHT (Claassen Verlag, 1960) • DORON RABINOVICI (Wien) kommentierte Lesung* aus dem Buch • LÁSZLÓ F. FÖLDÉNYI (Budapest) Referat • Diskussion; Redaktion und Moderation: KLAUS KASTBERGER (16.3., 19.30, Linz, Stifter-Haus) |
Es gibt wenige Bücher des zwanzigsten Jahrhunderts, die das Wesen von Macht und Masse so tief erschlossen haben, wie der Band von Elias Canetti, der genau vor einem halben Jahrhundert erschienen ist. Die beiden, für das Jahrhundert höchst wichtigen Begriffe erforscht der Autor mit Hilfe von unterschiedlichen Disziplinen: Anthropologie und Ethnologie spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie Soziologie, Geschichte oder eben Politologie. Dennoch ist es keine wissenschaftliche Monographie wie auch keine systematische Aufarbeitung dieser beiden Begriffe. Es ist eher ein Essay im klassischen Sinne; mit Hilfe von Analogien aus der gesamten dokumentierten Geschichte der Menschheit plädiert Canetti mit Leidenschaft für eine Überschreitung jener Schranken, die im modernen Zeitalter unsere Aussicht auf die metaphysischen Grundlagen der menschlichen Existenz verschlossen hatten. Ohne diese Aussicht aber droht die Gefahr, dass die gesamte humane Existenz den Bestimmungen von Macht und Masse unterworfen bleibt. Ein Buch, das aufklärt, ohne dass es dabei irgendeiner Ideologie zum Opfer fiele. (László Földényi)
Zur Vorbereitung des Elias Canetti gewidmeten Autorenseminars, das im Mai 1979 von Franz Schuh für die Alten Schmiede, mit einem gemeinschaftlichen Abend in der österreichischen Gesellschaft für Literatur, konzipiert und durchgeführt worden war, hatte Elias Canetti u.a. geschrieben: Herr Schuh ist einer der wenigen Kritiker, die ich wirklich schätze. Sie haben auch ganz recht, wenn Sie „Masse und Macht“ für das wichtigste meiner Bücher halten.
Elias Canetti, *1905 in Rustschuk / Bulgarien, 1911 Übersiedlung nach Manchester, 1913 nach Wien, 1916 nach Zürich, später nach Frankfurt. Ab 1924 Studium der Naturwissenschaften an der Universität Wien, 1929 Promotion zum Doktor der Philosophie. 1928-29 Aufenthalt in Berlin, Bekanntschaft mit Brecht, Walden und Grosz. Beginn der schriftstellerischen Tätigkeit bereits während des Studiums, danach als Schriftsteller und Übersetzer tätig. 1938 Emigration über Paris nach London, Britische Staatsbürgerschaft. 1971 Übersiedlung nach Zürich, wo er, von zeitweisen Aufenthalten in London bis zu seinem Tod am 14. August 1994 lebte. 1966 Preis der Stadt Wien für Literatur, 1967 Österreichischer Staatspreis für Literatur, 1972 Georg-Büchner-Preis, 1975 Ehrendoktortitel der Universitäten München und Manchester, 1981 Nobelpreis für Literatur, 1986 Ehrenbürger der Stadt Wien. Zu Canettis Lebzeiten erschienen u.a. Hochzeit. Drama (1932/ 1964); Die Blendung. Roman (1935); Komödie der Eitelkeit. Drama in drei Teilen (1950); Masse und Macht. Essay (1960); Welt im Kopf (Hg. Erich Fried, 1962); Die Befristeten. Drama (1964); Aufzeichnungen 1942-1948 (1965); Der andere Prozeß. Kafkas Briefe an Felice (1969); Macht und Überleben. Drei Essays (1972); Alle vergeudete Verehrung. Aufzeichnungen 1949-1960 (1972); Die gespaltene Zukunft. Aufsätze und Gespräche (1972); Die Provinz des Menschen. Aufzeichnungen 1942-1972 (1973); Der Ohrenzeuge. Fünfzig Charaktere (1974); Das Gewissen der Worte. Essays (1975); Der Beruf des Dichters (1976); Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend (1977); Die Stimmen von Marrakesch. Aufzeichnungen nach einer Reise (1978); Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921-1930 (1980); Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931-1937 (1985); Das Geheimherz der Uhr. Aufzeichnungen 1973-1985 (1987); Nachträge aus Hampstead. Aufzeichnungen 1954-1971 (1994). Im Hanser Verlag ist eine zehnbändige Ausgabe Gesammelter Werke erschienen.
László F. Földényi, *1952 in Ungarn, lebt in Budapest. Kunsttheoretiker, Literaturwissenschaftler und Essayist. Dramaturg an verschiedenen Theatern, Übersetzer und Mitherausgeber der ungarischen Kleist-Ausgabe. Zuletzt erschienen: Newtons Traum. Blakes ´Newton´ (dt. Übers. v. Akos Doma, 2005); Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus (Übers. v. Hans Skireki 2008); Schicksallosigkeit. Ein Imre-Kertész-Wörterbuch (dt. Übers. v. Akos Doma, 2009).
Doron Rabinovici, *1961 in Tel Aviv, lebt seit 1964 in Wien. Studium der Medizin, Psychologie, Ethnologie und Geschichte an der Universität Wien. Als freiberuflicher Historiker Studien zu zeitgeschichtlichen Themen, literarische und essayistische Arbeiten. Zuletzt erschienen: Ohnehin. Roman (2004); Der ewige Widerstand. Über einen strittigen Begriff (2008).
Klaus Kastberger, *1963 in Gmunden. Mitarbeiter des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, Lehrauftrag an der Universität Wien. Zahlreiche literaturwissenschaftliche Arbeiten vor allem zur Literatur des 20. Jahrhunderts und zu Methodenfragen (Textgenese). Herausgeber zweier Supplementbände zur Ödön von Horváth-Werkausgabe, Herausgeber einer neuen Wiener Ausgabe der Werke Ödön von Horváths. Zuletzt erschienen: Reinschrift des Lebens. Friederike Mayröckers Reise durch die Nacht (2000); Im Assessment-Center. Sprache im Zeitalter von Coaching, Controlling und Monitoring (2006); Vom Eigensinn des Schreibens. Produktionsweisen moderner österreichischer Literatur (2007).
* mit freundlicher Zustimmung der Ullstein Verlage •
Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945 – Erste Lieferung (Hg. K. Kastberger, K. Neumann, profile 14, 2007) | |